
Interview mit Arno Scharl: Das Zusammenspiel zwischen interaktiven Medien und Meinungsbildung
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| verfasst von: Marion Fugléwicz-Bren und Tassilo Pellegrini* | 1|9|2008 | |
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| Der Vizerektor der MODUL University Vienna erläutert Mechanismen der Informationsverteilung und deren Auswirkung auf Meinungsbildungsprozesse. |
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Arno Scharl ist Vizerektor der MODUL University Vienna und Leiter des Instituts für Neue Medientechnologie. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte umfassen Web Mining, Medienbeobachtung, Wissenserschließung und –visualisierung, Umweltkommunikation sowie die Integration semantischer und geographischer Technologien. Auf der Konferenz TRIPLE-I, die vom 3. bis 5. September in Graz stattfindet, erläutert er grundlegende Mechanismen der Informationsverteilung in Medien unterschiedlicher Interaktivität und deren Auswirkung auf öffentliche Meinungsbildungsprozesse. Computerwelt: Eines Ihrer zentralen Forschungsgebiete behandelt das Zusammenspiel zwischen interaktiven Medien und Meinungsbildung, ein Themenkomplex, der insbesondere in der Politikforschung (Stichwort: Direkte Demokratie) und im Marketing (Stichwort: Kinnie Studie) von wachsender Relevanz ist. Worum geht es in diesem Forschungsbereich genau? Und, gibt es bereits gesicherte Befunde? Arno Scharl: Viele Medienbeobachtungs-Projekte lassen geeignete analytische Rahmenkonzepte vermissen, um Phänomene wie das Web 2.0 beziehungsweise benutzergenerierte Inhalte im allgemeinen zu erfassen. Solche Studien konzentrieren sich auf ein einziges Medium, oder vernachlässigen die duale Rolle von Benutzern als Konsumenten und Produzenten von Inhalten. Eines unserer aktuellen Projekte, IDIOM, soll grundlegende Mechanismen der Informationsdiffusion in Medien unterschiedlicher Interaktivität und deren Auswirkung auf öffentliche Meinungsbildungsprozesse erfassen und modellhaft beschreiben. Dabei kommen automatisierte Systeme zum Einsatz, welche Trends in der Online-Berichterstattung analysieren um regionale Unterschiede und die Positionen unterschiedlicher Interessensgruppen aufzudecken (Medien, kommerzielle Unternehmen, Non-Profit Organisationen, öffentliche Verwaltung, etc.). Oft lohnt sich auch ein Blick auf die häufig kontroverse Darstellung in den unterschiedlichen Medientypen; beispielsweise der Vergleich zwischen den Meldungen von Tageszeitungen und der Berichterstattung in Weblogs, welche meist spontaner und emotionaler argumentieren. Diese individuellen Standpunkte und Kommentare der Nutzer diverser Online-Plattformen sind natürlich aus Marketing-Sicht für Imageanalysen, Werbeerfolgskontrollen oder Produktpositionierungen hoch relevant, und können auf aggregiertem Niveau auch deutliche Signale für die Entscheidungsfindung auf politischer Ebene bieten. Gesicherte Befunde zum Zusammenspiel zwischen interaktiven Medien und Meinungsbildung erwarten wir für das erste Quartal 2009, da unsere aktuelle Datenerhebung im Rahmen des IDIOM Projekts noch bis Dezember 2008 läuft (um den US-Wahlkampf komplett abbilden zu können). Eines Ihrer letzten Projekte war der US Election Monitor. Worum ging es in diesem Projekt? Was war der Output? Was der Nutzen? Der US Election 2008 Web Monitor erstellt detaillierte Profile der US-Präsidentschaftskandidaten – mehr als 800.000 Dokumente werden wöchentlich verarbeitet, um eine Reihe von Forschungsfragen zu beantworten: Wie häufig berichten Online-Medien über die Parteien und Kandidaten? Überwiegen positive oder negative Kommentare? Welche Themen werden mit den einzelnen Kandidaten assoziiert? Existieren Trends oder regionale Unterschiede in ihrer Popularität? Eine leistungsfähige Suchmaschine ergänzt die wöchentlichen Statistiken, erlaubt direkten Zugriff auf die analysierten Sätze und verdeutlicht inhaltliche Zusammenhänge mittels visueller Verfahren (Wissenslandschaften, Ontologien, Tag Clouds und geographische Karten). Die Wissensbasis der Suchmaschine wird automatisch auf Grundlage von insgesamt 2.200 Web Sites erstellt: 150 englischsprachige Medien (USA, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland), 50 Umweltorganisationen, die tausend umsatzstärksten US-Unternehmen sowie tausend populäre Blogs zu politischen Themen. Bei großgesellschaftlichen/großtechnischen Projekten – z.B. Klimawandel – müssen nicht nur die unterschiedlichsten Interessen, Weltsichten und Stakeholder "unter einen Hut gebracht" werden, sondern die Ergebnisse auch an die Betroffenen weiterkommuniziert werden: Die wissenschaftliche Community, die kommerzielle Welt sowie NGOs (non-governmental organizations) und Bürger. Besteht nicht gerade darin eine der größten Herausforderungen beim "Meinungsmachen" im Sinne eines Edward Bernays? Und welche Rolle spielen hier Online-Medien als Meinungs- oder gar Propaganda-Instrument? Online-Medien spielen eine zunehmende Rolle in der öffentlichen Meinungsbildung. Wie eine im Jänner 2008 publizierte Studie des Pew Research Centers belegt, geht die gesteigerte Reichweite von Online-Kanälen im Segment der 18- bis 29-jährigen hauptsächlich zu Lasten von TV-Nachrichten (minus 15 Prozent zwischen 2004 und 2007) und Tageszeitungen (minus 6 Prozent). Gerade bei komplexen und vermeintlich kontroversiellen Themen wie dem Klimawandel ist es daher unabdingbar, elektronische Medien für einen gezielten Dialog einzusetzen. Eine Herausforderung dabei ist, die qualitativ hochwertigen Beiträge zu identifizieren und deren Qualität auch für andere Benutzer erkenntlich zu machen. In einem gemeinsamen Projekt mit der TU Graz und der WU Wien entwickeln wir zurzeit ein "Climate Change Collaboratory", welches die Kommunikation zwischen der interessierten Öffentlichkeit, Entscheidungsträgern, Wissenschaftern und Non-Profit Organisationen verbessern soll. Die unter der Adresse www.ecoresearch.net/climate verfügbare "Media Watch on Climate" ist ein erster Schritt in diese Richtung – wobei sich dieses Portal vorerst auf internationale Medienberichte zum Thema Klimawandel konzentriert und noch keine sozialen Komponenten beinhaltet. Der Prototyp wurde vergangenes Jahr beim Digital Earth 3D Visualization Contest im amerikanischen Berkeley ausgezeichnet.
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