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Wie NGO von der Digitalisierung profitieren

Beim Internet Summit Austria 2016 des Providerverbands ISPA haben Anfang September Experten nichtstaatlicher Organisationen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihre Arbeit diskutiert.

Staatssekretärin Muna Duzdar hat den Internet Summit 2016 eröffnet.

Staatssekretärin Muna Duzdar hat den Internet Summit 2016 eröffnet.

© ISPA/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Nach der Begrüßung durch ISPA Präsident Andreas Koman, der auf die rasante Entwicklung des Internets, aber auch darauf, dass noch immer 50 Prozent der Weltbevölkerung offline sind, hinwies, hob Staatssekretärin Muna Duzdar in ihrer Eröffnungsrede die positiven Auswirkungen und die Chancen der Digitalisierung hervor: "Das Internet hat auch die Welt der NGO verändert. Durch die zunehmende  Digitalisierung der Gesellschaft bietet sich für NGO eine Vielzahl von – kostengünstigen - Möglichkeiten. Inhalte können besser und zielgerichteter vermittelt, besser vernetzt werden und Meinungsbildung kann einfacher gelingen."

Die Staatssekretärin erinnerte sich an den vergangenen September, als sie am Westbahnhof die Bedeutung digitaler Medien zum Austausch und zur Vernetzung mit eigenen Augen erfahren durfte. "Mit Hilfe der NGO kann die Partizipation der Bevölkerung verbessert werden. Damit die Digitalisierung und auch die neuen Partizipationsmöglichkeiten von möglichst allen genutzt werden können, muss die Politik gemeinsam mit den NGO daran arbeiten, digitale Bildung zu stärken und die digitale Kluft, die auch in Österreich noch besteht, zu schließen", zeigte Duzdar die Bereiche auf, in denen Handlungsbedarf bestehe.

Mit seiner Keynote "Humanitäre Hilfe vom Laptop - Gefahren und Chancen der Digitalisierung und Vernetzung" spannte Kilian Kleinschmidt von Switxboard einen Bogen von vor 20 Jahren bis heute. Die Arbeit habe sich stark verändert in dieser Zeit. So seien die Mitarbeiter früher kommunikationstechnisch oft wochenlang von ihren Vorgesetzten abgeschnitten gewesen und mussten daher selbst Entscheidungen treffen. Heute wäre dies durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten nicht mehr notwendig und die Aufgaben bestünden zu einem großen Teil aus Sammeln und Bearbeiten von Daten und ähnlichem. Auch wenn Kleinschmidt die Digitalisierung teilweise durchaus kritisch betrachtete, wies er auch auf die Chancen hin. "Eine App hat noch kein Leben gerettet, aber intelligente Vernetzung kann die Welt gerechter machen", brachte er seine Sichtweise auf den Punkt.

Digitalisierung als Revolution
In der anschließenden Podiumsdiskussion, moderiert von Franz Zeller von Ö1, sprachen - neben Kleinschmidt - Thomas Gradel von Transparency International, Rubina Möhring von Reporter ohne Grenzen Thomas Rubatscher von SOS Kinderdorf International und Mario Thaler von Ärzte ohne Grenzen über ihre Erfahrungen mit der Digitalisierung und erläuterten wie ihre Organisationen die neuen Technologien einsetzen und mit ihnen umgehen. Für Möhring ist die Internetkommunikation durchaus vergleichbar mit der Gutenbergschen Kommunikationsrevolution. "Mehr noch: Sie sprengt in weitaus größerem Ausmaß den bisherigen Rahmen und erfordert angesichts ihrer Strukturen eine neue Form medialer Ethik", weist sie auch auf Herausforderungen hin.

Auf die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen haben Internet und Social Media laut Thaler enorme Auswirkungen: "Die beiden wichtigsten für uns als humanitäre Hilfsorganisation sind einerseits die Möglichkeit der verstärkten Transparenz dem Spender aber vor allem auch unseren Patienten gegenüber, andererseits ermöglichen die neuen Kanäle ein um ein Vielfaches besseres und effektiveres Arbeiten in manchen der schwierigsten Gebiete dieser Welt, wie beispielsweise in Syrien." Thomas Gradel geht auf die möglichen Zeit- und Kosteneinsparungen ein, die sich aus seiner Sicht allerdings nicht automatisch durch die Digitalisierung einstellen. "Die Nutzung des Internets und entsprechender Tools ist kein Selbstzweck – diese stellen lediglich Instrumente dar, deren effektive und effiziente Verwendung ebenso erlernt und erprobt werden muss wie jene traditioneller Kommunikationskanäle", so der Vertreter von Transparency International.

Thomas Rubatscher sieht unter anderem durch die zusätzlichen Fundraising- oder auch Bildungs- und Erziehungsmöglichkeiten sehr positive Aspekte. "Wenn es das Internet nicht gäbe, dann hätten es wir NGO erfinden müssen", outete er sich als richtiger Digitalisierungs-Fan. Auch Kleinschmidt merkte an, dass Vernetzung die einzige Möglichkeit für das Überleben der Menschheit sei, kritisierte aber, dass Apps – z. B. bei der Flüchtlingswelle – wenig geändert hätten, weil die damit gelieferten Lösungen oftmals am Bedarf vorbeigingen.

Digitale Zukunft
Den zweiten Teil der Veranstaltung leitete Carolin Silbernagl von betterplace lab mit ihrer Keynote "Gestalten statt hinterher rennen: NGO und die digitale Transformation" ein. Dabei zeigte sie – anhand von Beispielen wie "Alle Lieben Schmidt – Brunos ALS Challenge" oder "acre Africa" – die Chance der Vielen, die Chance der Daten und die Chance der sozial-digitalen Innovation auf. Sie forderte aber auch eine Veränderung der Zivilgesellschaft weg vom Konsument hin zum Akteur. "NGO und die Zivilgesellschaft als Ganzes haben ihre Gestaltungsmöglichkeiten und ihre Gestaltungsverantwortung in der digitalen Transformation noch nicht voll angenommen. Ob Big Data, Interaktion in der Breite oder die Entwicklung von technologischen Lösungen für soziale Probleme: NGO können und sollen Vordenker und Vorreiter für eine gemeinwohlorientierte digitale Gesellschaft sein", so Silbernagl.

Im Anschluss diskutierten Helmut Berg von Oikocredit, Helge Fahrnberger von Laafi, Claudia Garád von Wikimedia Österreich und Silbernagl über die Möglichkeiten, aber auch die Herausforderungen, die in puncto Digitalisierung auf die NGO zukommen. So sieht Claudia Garád einen zentralen Punkt in der aktiven Einbringung, speziell im Bereich der Grundrechte. "Digitale Bürgerrechte gehen uns alle an - wenn wir das Internet als ernstzunehmendes Wissensmedium erhalten wollen, müssen wir es entsprechend mitgestalten. Zivilgesellschaftliche Institutionen spielen dabei eine wichtige Rolle", deutete sie die Mitverantwortung der Organisationen an.

Die Grundgedanken von Helmut Berg rankten sich um die Thematik Inklusion, die durch die einkommensgenerierenden Anschubfinanzierungen seiner Entwicklungsgenossenschaft stark gefördert wird. "Oikocredit bietet nicht nur Inclusive Finance für Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, sondern erreicht damit auch soziale Inklusion. Das Internet und digitale Innovationen tragen in den sogenannten Entwicklungsländern viel zur Ermöglichung dieser Inklusion bei", verweist Berg darauf, dass Menschen dadurch besseren Zugang zu Information, Kommunikation, Bildung, Zahlungsverkehr und vieles mehr haben. 

Helge Fahrnberger erinnerte sich an früher, wo sie einmal im Jahr nach Burkina Faso reisten, um die Fortschritte bei ihren Projekten zu überprüfen, dazwischen bestand keinerlei Kontakt. "Heute stehen wir über das Internet in ständigem Kontakt, und das obwohl sich diese Projekte in abgelegenen Regionen ohne Stromanschluss befinden. Projektpartner gehen über Handys oder Internetcafés in Regionalstädten online. Die Arbeit hat sich dadurch massiv beschleunigt und professionalisiert. Auch das Fundraising in Österreich hat sich durch das Internet in den letzten Jahren komplett gewandelt", beschreibt Fahrnberger die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeit von Laafi.

Die derzeitige Dominanz einiger weniger Konzerne im digitalen Bereich sieht Carolin Silbernagl recht gelassen und erwartet in Zukunft deutlich mehr Wettbewerb. Sie erinnerte daran, dass bei neuen Technologien am Anfang immer eine starke Tendenz zum Monopol bestanden hätte und sich schon bei der Eisenbahn oder beim Fernsehen im ersten Schritt einige wenige Pioniere durchgesetzt hätten. 

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