Software vs. Mechanik: Autohersteller in der Klemme Software vs. Mechanik: Autohersteller in der Klemme - Computerwelt

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24.03.2017 Klaus Lorbeer/pi

Software vs. Mechanik: Autohersteller in der Klemme

Das Strategieberatungsunternehmen Oliver Wyman hat 85.000 Patente aus den Jahren 2012 bis 2016 von fünf klassischen Automobilherstellern untersucht und jenen der fünf führenden Technologiefirmen gegenübergestellt. Das Ergebnis: Automobilhersteller benötigen eine neue Investitionsstrategie, um den direkten Zugang zum Kunden zu sichern.

Die unterschiedlichen Investitionsschwerpunkte der untersuchten Auto- und Technologieunternehmen.

Die unterschiedlichen Investitionsschwerpunkte der untersuchten Auto- und Technologieunternehmen.

© obs / Oliver Wyman

Eine globale Analyse des Strategieberatungsunterehmens Oliver Wyman von über 85.000 Patenten, die fünf Fahrzeughersteller (Daimler, BMW, Audi, VW, General Motors und der E-Auto-Produzent Tesla) und fünf führende Technologieunternehmen (Facebook, Google, Apple, Microsoft, Amazon und der Online-Vermittlungsdienstleister Uber) in den vergangenen fünf Jahren angemeldet haben, zeigt: Autobauer stecken in einer Zwickmühle. Sie sind weiter zu erheblichen Investitionen in die Fahrzeugtechnik gezwungen, während Technologieunternehmen die wichtige Schnittstelle zum Kunden besetzen.

Selbstfahrenden Autos gehört die Zukunft
Das Auto von morgen braucht keinen Fahrer mehr. Autonom steuert es sich selbst zum Ziel. Mehrere Personen teilen sich das Fahrzeug über einen Carsharing-Pool, der Verkauf wurde über eine große E-Commerce-Plattform abgewickelt. Und unterwegs sorgt Unterhaltungselektronik bei den Fahrgästen für gute Laune. Schon heute dominieren solche softwarebasierten Technologien und Services den Automobilsektor. Die Analyse der Patentanmeldungen der Managementberater von Oliver Wyman zeigt, dass die Technologiekonzerne seit 2012 die Zahl ihrer Mobilitätspatente um durchschnittlich 70 Prozent pro Jahr gesteigert haben - während bei den OEMs ein Rückgang um sieben Prozent zu Buche schlägt. Gerade bei Software und Diensten sind Internet- und Digitalunternehmen dabei, den klassischen Autobauern (OEMs) davonzufahren.

"Führende Tech-Firmen zielen darauf ab, die wichtige Schnittstelle zwischen dem Fahrzeug, den Diensten und ihren Kunden zu besetzen und zu kontrollieren", sagt Juergen Reiner, Partner bei Oliver Wyman. Die Autobauer sähen sich im Wettbewerb um diese Schnittstellen in dem gegnerischen Feld der Digitalspieler. Gleichzeitig dürften sie das profitable Kerngeschäft des Fahrzeugbaus nicht vernachlässigen. Das werfe große Fragen um Prioritäten auf, so Reiner: "In welche Felder gilt es zu investieren, um in der künftigen Mobilitätswelt erfolgreich zu sein?"

Neue Investitionsstrategie benötigt
Automobilhersteller stehen vor einem Dilemma: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie beträchtliche Ausgaben für die Weiterentwicklung ihrer Fahrzeugtechnik stemmen. Zugleich versuchen sie, aus eigener Kraft auch Innovationen bei Mobilitätsservices voranzutreiben. Die Technologiekonzerne zeigen sich der Analyse zufolge überlegen. Sie konzentrieren sich auf die Wertschöpfung der Dienste und setzen diese agil in Software um - die erforderlichen Fahrzeuge gibt es bereits am Markt. "Technologieführerschaft in allen Bereichen der Mobilität durch eigene Forschungsaktivitäten anzustreben, im Fahrzeug wie in Diensten, wird die meisten Hersteller überfordern", sagt Reiner. "Daher werden Autohersteller verstärkt auf Partnerschaften und Zukäufe setzen müssen."

Im Detail zeigt sich das hohe Tempo, mit dem Technologiekonzerne in Sachen Mobilität forschen. So kommt allein Google in den vergangenen fünf Jahren auf 30 Patente im Segment Mobilitätsdienste - bei den betrachteten Autoherstellern sind es zusammen 44. Den größten Anteil dran trägt BMW mit 20 Patenten. Bei Schutzrechten für vernetzte und autonome Fahrzeuge hat Audi als Nummer eins unter den Autobauern mit 223 Patenten nur einen knappen Vorsprung vor Google, das 221 Patente vorzuweisen hat. Auch Amazon mit 50 sowie Apple und Microsoft mit je 28 Patenten bringen sich in Position.

OEMs liegen bei Green-Vehicle-Innovationen vorne
Einen deutlichen Vorsprung haben die OEMs dagegen bei Patenten im Zusammenhang mit Green Vehicles, also bei umweltfreundlicher Antriebstechnik. Daimler hält mit 1.630 Anmeldungen die Pole Position vor Audi (771) und BMW (702). Die Technologiekonzerne kommen zusammen auf ganze sieben Patente. Die strategische Bedeutung für die direkte Kundenansprache ist hier freilich geringer: "Technologiegetriebene Hardware-Themen adressieren in der Regel den Kunden nicht direkt", sagt Andreas Nienhaus, Direktor bei Oliver Wyman. "Gerade deshalb müssen die Autohersteller neue Wege gehen, um ihre Service- und Kundenorientierung zu stärken."

Den direkten Kontakt zum Kunden können Fahrzeughersteller beispielsweise sichern, indem sie Allianzen über Branchengrenzen hinweg bilden. Nienhaus verweist auf die jüngst vereinbarte Partnerschaft zwischen Daimler und Uber in Sachen autonomes Fahren. Während Uber in den letzten fünf Jahren lediglich 13 Mobilitätspatente anmeldete und sich stattdessen vor allem auf seinen Mobilitätsservice konzentrierte, hat Daimler mit 160 Patenten allein zum autonomen Fahren massiv investiert. "Solche Kooperationen können das Beste aus zwei Welten zusammenführen", sagt Nienhaus. "Durch Partnerschaften mit Tech-Unternehmen können sich Autohersteller den Kundenzugang und damit auch ihre Wettbewerbsfähigkeit im Mobilitätsfeld sichern."

Einen alternativen Weg schlägt Tesla ein. Das Unternehmen hat in den vergangenen fünf Jahren keine Patente für Mobilitätsdienste angemeldet und liegt auch bei den Patentanmeldungen für vernetzte und autonome Fahrzeuge weit hinter den klassischen Herstellern zurück. Stattdessen setze Tesla auf eine Open-Source-Strategie zur Fahrzeug- und Mobilitätstechnologieentwicklung. "Der Erfolg des Unternehmens zeigt, dass eine ausgeprägte Aktivität in der Forschung und Entwicklung auch mit einer überschaubaren Zahl an eigenen Patenten, dafür jedoch mit einem Schwerpunkt auf Partnerschaften und Kollaborationen funktionieren kann", so Nienhaus.

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