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22.06.2009 Alex Wolschann

Jugendliche kommunizieren lieber virtuell als real

Für Jugendliche ist die Kommunikation im Netz selbstverständlich geworden. Reale Treffen sind hingegen weniger spannend.

Eltern schütteln oft mit dem Kopf: Ihr Sprössling wohnt nur 200 Meter von seinem besten Freund entfernt - trotzdem treffen sich die Beiden nicht zum Plausch, sondern kommunizieren via Internet miteinander. "Das ist ein Massenphänomen. Für Jugendliche ist es ganz selbstverständlich, ihre sozialen Kontakte übers Internet zu pflegen", sagt der Psychologe Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. "Aus ihrer Sicht ist das effektiver, als jeden anzurufen." Ein wichtiger Aspekt sei auch, dass ein Jugendlicher im Netz leichter andere Rollen ausprobieren könne.

Laut einer Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Anfang des Jahres halten nur 36 Prozent der 14- bis 19-Jährigen das persönliche Gespräch für die angenehmste Form der Kommunikation. Viel lieber smsen und chatten Jugendliche oder schreiben sich E-Mails. "Das kommt den Gegebenheiten im Leben eines Jugendlichen entgegen", erklärt Rehbein. Wer etwa im Gespräch schnell unsicher werde oder sich linkisch bewege, finde im Internet vielleicht mehr Schutz vor Spott und Kritik. "Man kann so zu viel Nähe vermeiden, nur so viel preisgeben, wie man möchte."

Prof. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, sagt: "Da viele Jugendliche sich nicht wirklich für die andere Person in ihrer Ganzheit interessieren, sondern lediglich für den Austausch von Gedanken, reicht ihnen diese Art der Begegnung völlig aus." Lebendige Beziehungen seien komplizierter und störanfälliger, zwängen dazu, eigene Positionen infrage zu stellen und sich auf den anderen einzulassen. "Bei einem virtuellen Kontakt behält man die Kontrolle, wenn einem nicht passt, was der Andere mitteilt, kann man sich ja ausloggen."

Wird es für einen vorwiegend virtuell kommunizierenden Jugendlichen schwieriger, die Emotionen eines realen Gegenübers wahrzunehmen und zu deuten? "Das ist sicher der Fall", sagt Hüther. "Alle komplexeren Leistungen verkümmern ja, wenn man die dazu erforderlichen Verschaltungen im Gehirn nicht mehr benutzt. Das ist wie bei Musikern, die ihr Instrument nicht mehr spielen."

Ein Problem sei auch, dass das Internet eine Verstärkerfunktion habe - etwa beim Mobbing von Mitschülern, erläutert Rehbein. Einer Studie der Leuphana Universität Lüneburg zufolge ist fast jeder dritte Schüler an weiterführenden Schulen schon einmal von Klassenkameraden schikaniert worden. Mehr als 37 Prozent gaben an, andere schon einmal gemobbt zu haben. Im echten Leben hätten solche Beleidigungen eine kurze Halbwertzeit und es hörten vielleicht zwei, drei Leute mit, erklärt Rehbein. "Im Internet wirkt so was langfristig und erreicht viele. Aus jugendlichem Leichtsinn kann so unglaubliches Leid werden."

Wie im realen Miteinander müssten deshalb auch beim virtuellen Umgang Regeln eingehalten werden. Die allerdings müssten vermittelt werden. "Bei Computern im Kinderzimmer ist das ganz klar Aufgabe der Eltern", betont Rehbein. Dafür brauche es aber engagierte Erwachsene. "Die Erziehung entgleitet leicht in diesen virtuellen Welten." Was auf dem Schulhof passiere, sei für Eltern und Lehrer eben besser durchschaubar als Konflikte im Internet.

Viele Eltern beschränken ihre Aufmerksamkeit darauf, über die Dauer der Internet-Sitzungen ihrer Kinder zu mosern. Untersuchungen zeigten, dass viele Jugendliche - und Erwachsene - tatsächlich unterschätzen, wie lange sie schon vorm Compter hocken. "Das Zeitgefühl geht verloren - aber das ist ja durchaus ein gewünschter Effekt", sagt Rehbein. So, wie man auch bei einem guten Film oder einem Buch schwärme, man habe darüber ganz die Zeit vergessen.

"Das Problem ist: Ein Buch hat 200 Seiten, ein Film ist nach zwei Stunden vorbei, aber im Internet ist immer was los." Die Angst, etwas zu verpassen, halte viele Leute länger vor dem PC als gewollt. Dann aber gleich von Abhängigkeit zu sprechen, sei falsch, betont Rehbein. "Exzessives Verhalten bedeutet nicht gleich Sucht." Die Quote abhängiger Internetnutzer liege bei zwei bis sieben Prozent - entspreche also der anderen Suchtverhaltens, erläutert Prof. Stefan Aufenanger vom Pädagogisches Institut der Universität Mainz. Er warnt davor, die Gefahr zu überschätzen.

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