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Was einen Chief Digital Officer auszeichnet

Der CDO soll kühler Stratege und begeisternder Evangelist zugleich sein. Kann das funktionieren?

Die besten CDOs entwickeln eine digitale Vision für das Unternehmen und begeistern zugleich andere Führungskräfte und Mitarbeiter davon.

Die besten CDOs entwickeln eine digitale Vision für das Unternehmen und begeistern zugleich andere Führungskräfte und Mitarbeiter davon.

© Orla - shutterstock.com

Von allen Titeln auf dem sogenannten C-Level ist die Aufgabe des Chief Digital Officer am unschärfsten definiert. In vielen Unternehmen spielt er eine dem Kunden zugwandte Rolle, die das Bekenntnis zu einer digitalen Zukunft signalisieren soll. In anderen Fällen wirkt er eher nach innen und verantwortet neben einer technischen auch eine organisatorische und kulturelle Transformation, für die dem klassischen CIO häufig die Mittel und das Mandat fehlen.

Mitunter wandelt sich der kundenzentrierte CDO indes zu einem nach innen gerichteten Manager, beobachtet Andrew White, Research Vice President und Distinguished Analyst bei Gartner. Er berichtet von einem CDO, der sich anfangs vorwiegend um die Kundenzufriedenheit gekümmert habe. Nach einigen Jahren sei die Erkenntnis gereift: "Wenn ich die Supply Chain nicht verändern und das Business-Backend nicht anders organisieren kann, ist es unmöglich, Verbesserungen für den Kunden zu erreichen." Immer häufiger beschäftigte sich der CDO in der Folge mit internen Systemen, beispielsweise mit den eingesetzten Data-Lösungen. "Ich startete in einer kundenzentrierten, nach außen gerichteten Rolle", erzählt er dem Gartner-Experten. "Inzwischen kümmere ich mich auch um das Backend und unsere Zulieferer. Meine Rolle ist breiter geworden."

Digitale Transformation - was bedeutet das eigentlich?
Beide Pole verbindet in der Regel das gemeinsame Ziel der digitalen Transformation. Doch was heißt das eigentlich? Ragu Gurumurthy, Chief Digital und zugleich Chief Innovation Officer beim Beratungshaus Deloitte, erklärt es so: "Wir können nicht sagen, Deloitte ist jetzt digital, weil wir alle Anwendungen in die Cloud geschoben haben. Wir können auch nicht sagen, wir nutzen Robotic Process Automation im Finanzwesen und deswegen sind wir digital." Um den Wandel zum digitalen Unternehmen zu schaffen, bedürfe es all dieser Initiativen und noch viel mehr. Digital zu werden, so der CDO, sei ebenso sehr eine Frage der Einstellung wie des Aufgreifens moderner Technologie.

Rolle und Aufgaben des Chief Digital Officer
Die besten CDOs schaffen zweierlei: Sie entwickeln eine digitale Vision für das Unternehmen und begeistern zugleich andere Führungskräfte und Mitarbeiter davon. "Es geht immer um Menschen, Prozesse und Technologie und darum, wie die Digitalisierung alles verbindet", sagt Justin Cerilli vom Personalberater Russell Reynolds Associates. Die Rolle des Evangelist gewinne dabei an Bedeutung. Er müsse eine Story entwickeln, die allen Beteiligten deutlich macht, wie sich der digitale Wandel konkret erreichen lässt.

Während viele technisch orientierte Managementpositionen mit einem klaren Karriereweg verbunden sind, kommen CDOs aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Einige haben einen technischen Background oder stammen aus dem Sektor Data Science, andere sind Marketingexperten oder wechseln aus Beratungs- oder Marktforschungshäusern in die CDO-Rolle.

In Deutschland beschäftigt heute schon jedes fünfte DAX-Unternehmen einen Chief Digital Officer, weitere 20 Prozent haben zumindest eine vergleichbare Rolle geschaffen, die CDO-Aufgaben übernimmt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die von der CeBIT unterstützt wurde. Vor allem Industriekonzerne vertrauen zu 60 Prozent auf einen CDO. Chemieunternehmen folgen mit 33 Prozent und Dienstleister mit 30 Prozent. Finanzdienstleister haben dagegen noch kaum Digitalchefs eingesetzt. Der typjsche deutsche CDO ist laut der Erhebung 41 Jahre alt, männlich und hat ein betriebswirtschaftliches, naturwissenschaftliches oder technisches Studium abgeschlossen.

An wen berichtet der CDO?
Ebenso heterogen wie die Aufgaben und Qualifikationen zeigt sich die organisatorische Einbindung der CDOs in die Führungsstrukturen. Einige berichten an den CIO oder den Chief Marketing Officer (CMO). Füllen Sie eine eher visionäre Rolle aus, sollten sie direkt an den CEO oder eventuell den COO berichten, raten Experten. Deloitte-CDO Gurumurthy empfiehlt in solchen Fällen sogar, dass andere Technologie-Manager dem Digitalchef unterstellt werden.

"Geht es um technische Entscheidungen für Produkte, sollte der CDO mit dem CTO zusammenarbeiten", so der Manager. "Stehen interne Prozesse im Mittelpunkt, ist der CIO der geeignete Partner." Darüber hinaus sollte der CDO auch engen Kontakt mit dem Personalverantwortlichen halten und damit sicherstellen, dass die richtigen Qualifikationen für die digitale Transformation im Unternehmen verfügbar sind. Gurumurthy: "Der Chief Digital Officer wird zum Orchestrator, der Visionen entwickelt und Ziele setzt." Um erfolgreich zu sein, müsse er mit seinen Peers in der Führungsriege mindestens auf Augenhöhe agieren können.

Braucht Ihr Unternehmen einen CDO?
Wann sollte eine Organisation überhaupt einen CDO einstellen? Auch diese Frage beantworten Experten höchst unterschiedlich. Deloitte-Mann Gurumurthy lehnt sich relativ weit aus dem Fenster, verweist aber zugleich darauf, dass es dazu noch keine validen Studien gebe. Nach seiner Einschätzung braucht etwa ein Handelsunternehmen, das in der Regel vor großen digitalen Herausforderungen stehe, ab einem Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar einen CDO. Andere Unternehmen, die in geringerem Ausmaß vom digitalen Wandel betroffen sind, sollten ab einem Umsatz von fünf Milliarden Dollar darüber nachdenken. Zu dieser Gruppe zählt er etwa klassische Fertigungsunternehmen.

In jedem Fall aber müssen sich Firmen darüber klar werden, warum genau sie einen CDO benötigen, warnt Mike Doonan von der Personalberatung SPMB. Er kennt viele Unternehmen, die einen Digitalchef ohne fundierte Begründung engagierten: "In Boomzeiten fragen Analysten gerne, mit welcher Strategie ein Unternehmen im Wettbewerb mit innovativen Konkurrenten bestehen will. Das Topmanagement bastelt dann eine Digitalstrategie und richtet ein Innovation Center ein, das von einem Chief Digital Officer geführt wird. Entwickelt sich der Markt wieder nach unten, fragen die Analysten: Wo bleibt die Profitabilität? Dann wird das Innovation Center flugs wieder eingestampft." Bevor Doonan sich auf die Suche nach einem CDO-Kandidaten macht, stellt er deshalb einige unbequeme Fragen: "Wenn ein Unternehmen nicht in maximal 20 Worten erklären kann, warum es einen CDO will, werde ich nicht tätig."

Doch was wäre ein guter Grund, einen CDO einzustellen? - Wenn der CTO sich nur auf das Engineering konzentriert, der Produktverantwortliche nur an sein Produkt denkt und der CIO sich einzig um das Backend kümmert, sei der Bedarf für einen CDO klar auszumachen, sagt der Berater. Unternehmen mit einem Business-orientierten CIO könnten dagegen durchaus auf einen CDO verzichten, auch darin sind sich viele Experten einig. CIOs dieses Typs übernehmen schon mal zusätzlich die Rolle des CDO.

Markus Sontheimer, der als CIO beim Logistikdienstleister DB Schenker einstieg, ist dafür ein gutes Beispiel. Nachdem er Nachholbedarf in Sachen Digitalisierung erkannt und offen angesprochen hatte, ernannte ihn der Aufsichtsrat zusätzlich zum CDO. Seitdem treibt er die Digitalisierung der Bahntochter mit Macht voran. Der Manager sieht CIO- und CDO-Ziele nicht als Gegenpole. Erst das Zusammenwirken beider Rollenmodelle bringe Unternehmen in Sachen Digitalisierung wirklich voran, lautet sein Credo.

Das führt zur beliebten Frage, ob der CDO in einer immer stärker digitalisierten Welt nicht ohnehin bald überflüssig wird. Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der HTW Berlin und Initiator der deutschen CDO-Studie, hat darauf eine klare Antwort: "Unternehmen werden noch auf Jahre, eher Jahrzehnte damit beschäftigt sein, die digitale Transformation zu meistern." Deloitte-CDO Gurumurthy sieht das etwas anders: "Es ist wie in den 90er Jahren, als die Unternehmen Internet-Verantwortliche ernannten. Die sind längst wieder verschwunden, weil das Internet heute integraler Bestandteil jedes Unternehmens ist."


* Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO.

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