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30.11.2010 Michaela Holy

Clean-IT deckt schwere Arbeitsrechtsverletzungen auf

Arbeiter in asiatischen Produktionsstätten, die für Markenfirmen wie Apple und Co. arbeiten, werden durch Hungerlöhne und exzessive Überstunden ausgebeutet.

Für Elektronikindustrie und -handel ist Weihnachten ein Grund zur Freude. Prognosen zufolge, werden in Österreich für Elektronikartikel dieses Jahr 250 Millionen Euro für Weihnachtsgeschenke ausgegeben. Nichts geschenkt bekommen hingegen die Arbeiter in den asiatischen Produktionsstätten, die für Markenfirmen wie Apple und Co. arbeiten. Sie werden das ganze Jahr über ausgebeutet. Hungerlöhne, exzessive Überstunden und gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen machen sie zu den Verlierer im internationalen Geschäft mit elektronischen Artikeln. Das belegte die Südwind Kampagne Clean-IT für faire Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie anhand von schockierenden Beispielen aus den Produktionsländern China und Philippinen.

Am 5. November stürzte sich bereits der 18. chinesische Foxconn-Angestellte in den Tod, weil seine Arbeit bei dem weltweit größten Elektronikhersteller unerträglich geworden war. Der Konzern beschäftigt in China 900.000 Personen und erwirtschaftet den Großteil seines Umsatzes als Auftragshersteller von Elektronikartikel für Markenunternehmen wie Apple, Nokia, HP, etc. Obwohl Foxconn Anfang des Jahres nach einer Selbstmordserie von Arbeitern unter massivem öffentlichen Druck Verbesserungen versprach, haben sich die Arbeitsbedingungen nicht entscheidend verbessert, wie neue Berichte von Clean-IT belegen.

Nach der Selbstmordserie limitierte Foxconn die monatlich erlaubten Überstunden auf 80, was noch immer weit über dem gesetzlichen Maximum von 36 Stunden liegt. In einigen Werken müssen Arbeiter nun schriftlich zusichern, dass sie Überstunden "freiwillig" leisten.

Dass ohne Überstunden ein finanzielles Auskommen aber nicht möglich ist, belegen Beispiele, die für die Clean-IT Berichte recherchiert wurden. So ging aus einem Gehaltszettel eines Foxconn-Arbeiters in Shenzhen hervor, dass der Grundlohn von 900 Yuan (ca. 100 Euro) nur 40 Prozent seines Gesamtgehalts ausmacht, den Rest verdient er mit 136 Überstunden. "Das sind 100 Stunden mehr, als das Gesetz erlaubt. Aber nur damit können die Menschen die 200 Euro verdienen, die sie bräuchten, um halbwegs über die Runden zu kommen", stellt Andrea Ben Lassoued, Leiterin der Clean-IT Kampagne, fest. Die ständigen Existenzängste und die Überarbeitung treiben die Menschen bis in den Tod, wie der letzte Blogeintrag eines Arbeiters zeigt: "Nur der Tod beweist, dass wir überhaupt gelebt haben und, dass das Leben nur aus Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung bestand."

Die Zustände bei Foxconn sind in der Elektronikbranche jedoch keine Ausnahme, wie ein Lokalaugenschein von Clean-IT auf den Philippinen zeigt, wo der Elektroniksektor zwei Drittel der Exporte ausmacht. In philippinischen Sonderwirtschaftszonen werden Halbleiter, Festplatten und SIM-Karten für Intel, HP, Nokia und viele andere Markenfirmen produziert.

Cecilia Tuico, vom Workers Assistance Center (WAC), einer philippinischen Arbeitsrechtsorganisation, berichtet von dramatischen Entwicklungen. Mit der Wirtschaftskrise ist Kontraktarbeit zur gängigen Praxis geworden. Etwa 60 Prozent der Arbeiter sind bereits über Personalvermittlungsagenturen angestellt, darunter auch zahlreiche Praktikanten, die laut Gesetz nur 75 Prozent des Mindestlohns erhalten. "Für Zulieferbetriebe, die dem Preisdruck der Markenfirmen ausgesetzt sind, ist das günstig, denn diese Arbeiterschaft kann ständig gekündigt werden, bekommt oft nicht einmal den Mindestlohn und darf sich nicht gewerkschaftlich organisieren, obwohl das Recht darauf im Gesetz verankert ist", kritisiert Tuico. Morde an Gewerkschaftsführer beweisen, dass es lebensgefährlich ist, sich im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen zu organisieren.

Geht es nach den Fabriksbesitzern und den Auftraggebern der philippinischen Elektronikindustrie, dann ist die ideale Arbeiterschaft jung, weiblich, alleinstehend, ohne familiäre Verpflichtungen und ohne Forderungen. Um sicherzugehen, dass Mitarbeiterinnen diese Voraussetzungen erfüllten, würden ihnen "virginity tests" auferlegt, berichtet Andrea Ben Lassoued von ihrer Reise auf die Philippinen. "Die Arbeiterinnen müssen ihre Jungfräulichkeit nachweisen, bevor sie für Hungerlöhne die SIM-Karten von Handys von Nokia, Siemens oder Sony Ericsson produzieren dürfen. Dieser massive Eingriff in die Intimität der Frauen hat mich erschüttert".

Eine wesentliche Verantwortung tragen die Markenfirmen, ist Cecilia Tuico überzeugt: "Sie müssen dafür Sorge tragen, dass ihre Verhaltenskodizes auch tatsächlich in den Zulieferbetrieben umgesetzt werden. Alle Arbeiterinnen und Arbeiter haben Anspruch auf faire, menschenwürdige Löhne, auf die Wahrung ihrer Rechte und auf ein sicheres Arbeitsumfeld."

Genau das fordert auch Clean-IT. Die Kampagne informiert über aktuelle Missstände und motiviert Konsumenten, Druck auf Markenfirmen auszuüben, damit diese Verantwortung für die Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben übernehmen und faire Preise zahlen. Auch Großkunden von Elektronikartikeln, wie öffentliche Einrichtungen und Universitäten, die in Österreich jährlich 110 Millionen Euro für IT-Hardware ausgeben, können ihre Einkaufsmacht dazu nützen, die Bedingungen am anderen Ende der Produktionskette zu verbessern. Clean-IT fordert die österreichischen Universitäten und Fachhochschulen dazu auf, soziale Kriterien bei der Beschaffung einfließen zu lassen. Über 4.200 Unterschriften wurden schon gesammelt und werden demnächst an die Rektorenkonferenz übergeben. "Aber auch jede Konsumentin und jeder Konsument kann sich für faire Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie einsetzen" ist Ben Lassoued überzeugt. "Fragen Sie nach, unter welchen Bedingungen Ihr Computer hergestellt wurde, und informieren Sie sich unter www.clean-it.at über aktuelle Entwicklungen und Handlungsalternativen; zu Weihnachten und das ganze Jahr über!", rät sie kritischen Konsumenten.

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