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11.11.2010 Elisabeth Heinemann *

Als ITler eine begehrte Arbeitskraft sein und bleiben

Generalist oder Spezialist? Das war lange Zeit die meistgestellte Frage, wenn es um die Laufbahnplanung nicht nur von IT-Kräften ging. Zunehmend gewinnt aber ein Mitarbeitertyp an Bedeutung, der die Stärken des Generalisten und Spezialisten in sich vereint.

Personalverantwortliche in Unternehmen beklagen oft: „Wenn Informatikstudium-Absolventen bei uns anfangen, sind sie zwar fachlich fit. Von unserer Branche und den Ab-läufen in den Unternehmen haben sie aber keine Ahnung.“ Und dann fügen sie zuweilen nach einer Pause hinzu: „Für die reine Netzwerkadministration brauchen wir aber keine Akademiker. Ein gelernter Fachinformatiker liefert uns da die-selben Ergebnisse und kostet weniger.“

Die Unternehmen beklagen also, dass Hochschul-Absolventen, die sich bei ihnen bewerben, oft folgendes Qualifikationsprofil haben: Sie sind entweder absolute Spezialisten, die von Programmiersprachen wie Java oder Spezialthemen wie Mikrocontrollern ein sehr fundiertes Wissen haben. Oder sind sie Generalisten, die – salopp formuliert – von allen möglichen IT-relevanten Themen ein bisschen was wissen, aber in keinem Themengebiet „Cracks“ sind.

Dass viele ITler ein solches Qualifikationsprofil haben, ist an sich nicht schlimm. Denn die Unternehmen benötigen auch künftig Generalisten und Spezialisten – aber weniger. Denn die IT hat nicht nur in den Firmen stets eine die Fachabteilungen unterstützende Funktion. Wenn Unternehmen zum Beispiel ein neues IT-System einführen, dann verfolgen sie damit stets ein Ziel – beispielsweise, dass die Kunden besser und kostengünstiger betreut werden können. Entsprechendes gilt, wenn Unternehmen in die von ihnen produzierten Maschinen immer mehr Software integrieren. Auch dann steckt dahinter stets ein Ziel. Zum Beispiel, dass deren Käufer damit schneller oder fehlerfreier arbeiten können.

Deshalb benötigen die Unternehmen zunehmend sogenannte T-Shaped Professionals. So werden Mitarbeiter genannt, die die Vorzüge eines Spezialisten und Generalisten in sich ver-einen, weil sie einerseits in einem Wissensgebiet ein sehr solides Fachwissen haben, andererseits aber auch das erfor-derliche Breitenwissen, um ihr Fachwissen im Betriebsalltag und Kundenkontakt effektiv einzusetzen.

Dass künftig mehr (IT-)Mitarbeiter mit einem solchen Profil benötigt werden, erkannten Bildungsverantwortliche schon vor 20 Jahren. Damals tauchte der Begriff „T-Shaped“ erstmals in der Fachliteratur auf. Und IBM legte bereits Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts seiner Mitarbeiterentwicklung das Modell einer „T-Shaped Career“ zugrunde.

Ein T-Shaped Professional benötigt eine Aus- und Weiterbildung, die einerseits in die Breite und andererseits in die Tiefe geht. Welche Fächer hierbei die Breite darstellen und welche in die Tiefe gehend vermittelt werden sollten, hängt von der Schwerpunktsetzung des Einzelnen ab.

Hierfür ein Beispiel. Ein Unternehmen sucht einen Workflowmanagement-Experten. Dann sollte der künftige Stelleninhaber ein Expertenwissen (Tiefenwissen) darüber haben, wie man mit der IT Arbeitsprozesse so gestalten kann, dass diese zum Beispiel schneller, kundenorientierter oder fehlerresistenter sind. Darüber hinaus sollte er aber ein Verständnis (Breitenwissen) für die Spezifika der jeweiligen Branche und die heutigen Organisationsstrukturen von Unternehmen haben. Denn erst dieses Breitenwissen ermöglicht es ihm, sein Spezialwissen effizient und effektiv einzusetzen. Das erhöht auch den Wert seiner Arbeitskraft. Denn das Breitenwissen macht aus Unternehmenssicht sein Kompetenzprofil sozusagen „rund“. Das haben inzwischen auch viele Hochschulen erkannt, weshalb sie neben dem Klassiker „Wirtschaftsinformatik“ zunehmend auch solche Hybrid-Studiengänge wie „Versicherungs-Informatik“ und „Mechatronik“ anbieten.

Darin spiegelt sich die Erkenntnis wider: Den ITler gibt es heute nicht mehr. Denn die „IT-Welt“ hat sich so ausdifferenziert, dass sie eine Art Paralleluniversum zum Rest der Welt darstellt. Entsprechend vielfältig sind die Berufsbilder im IT-Bereich und entsprechend unterschiedlich sind die an ITler gestellten Anforderungen. Allen IT-Profilen ist jedoch gemeinsam: Eine Spezialisierung ohne flankierende Interdis-ziplinarität schafft auf Dauer keine Befriedigung. Und: Darauf lässt sich keine solide berufliche Perspektive aufbauen. Hierfür vollziehen sich die Technologiesprünge im IT-Bereich zu schnell.

Doch wie kann man ein T-Shaped Professional werden? Die folgenden Fragen sind jedenfalls zu stellen: Was ist die Säule des „T“, also in welcher IT-Disziplin ist man Experte? Und: Welchen Querbalken, also welches interdisziplinäre Wissen und Können benötigt man, um diese Fachkompetenz noch wirkungsvoller einzusetzen?

Notieren Sie die Antworten auf einem Blatt Papier. Markieren Sie dann von den bei Frage 2 aufgelisteten Kompetenzen diejenigen, die bei Ihnen optimierungsbedürftig sind. Und schon haben Sie den ersten Schritt in Richtung T-Shaping getan – zumindest wenn Sie morgen damit anfangen, in den markierten Bereichen Expertise zu erwerben.

Beachten Sie beim T-Shaping, also beim Sich-Aneignen der Kompetenzen, die zu Ihrem Expertenwissen orthogonal stehen: Es gibt nicht den einen universellen Querbalken für jedes mögliche T. Der passende Querbalken ergibt sich aus dem aktuellen und (angestrebten) künftigen Tätigkeitsfeld. Wählen Sie also aus den vielen Qualifizierungsmöglichkeiten, diejenigen aus, die Ihnen den größten Nutzen bieten.

Die Praxis zeigt: Viele ITler messen bei ihrer Kompetenzentwicklung dem Fach- und Faktenwissen eine sehr hohe Bedeutung bei. Sie unterschätzen aber nicht selten, wie wichtig die Soft-Skills, also beispielsweise die Kommunikations- und Teamfähigkeit, für ihren beruflichen Erfolg sind. Auch die Bedeutung des Wissens über Geschäftsprozesse und Organisationsstrukturen wird oft unterschätzt; ebenso die Bedeutung eines fundierten Projektmanagement-Know-hows. Und noch ein Aspekt fällt häufig „hinten runter“: die Branchenkenntnis und Felderfahrung. Dabei erwächst hieraus meist erst das Gespür dafür, was in bestimmten Anwendungsgebieten gebraucht wird und was nicht. Denn nicht alles, was technisch machbar ist, wird von den Anwendern auch tatsächlich immer gebraucht.

* Elisabeth Heinemann hat am Fachbereich Informatik der Fachhochschule Worms einen Lehrstuhl für Schlüsselqualifikationen. Die Diplom-Wirtschaftsinformatikerin ist überdies als Vortragsrednerin tätig und Autorin des im Oktober 2010 erschienenen Karriereratgebers „Jenseits der Pro-grammierung: Mit T-Shaping erfolgreich in die IT-Karriere starten“.

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