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06.12.2011 Marion Fugléwicz-Bren*

snippy: Innovatives Start-up aus der Buchbranche

Wer sein iPhone kurz schüttelt, bekommt per Zufall eine von vielen Kurzgeschichten vorgeschlagen. Der Verleger André Hille hatte die Vision, Literatur und Technologie zusammenzubringen.

Eine neue Kurzgeschichten-App fürs iPhone namens snippy wurde kürzlich in Berlin zum innovativsten Start-up der Buchbranche gewählt – den Rahmen bildete die E:Publish-Konferenz für Neues Publizieren – "Ein Kongress wie ein Aufputschmittel" konstatieren Pressestimmen. André Hille, Verleger und Geschäftsführer der snippy GmbH, schreibt selbst, betreibt eine Autorenschule und ist Dozent am Mediacampus Frankfurt.

Lieber André, es gibt jetzt eine neue Kurzgeschichten-App fürs iPhone namens snippy. Was kann sie und wer soll die App anwenden? Die App bringt Kurzgeschichten auf Smartphones und ist für alle geeignet, die Geschichten zum Lesen und Hören mögen, etwa im Zug, unterwegs oder abends im Bett. Im deutschsprachigen Raum ist die Kurzgeschichte ein bislang vernachlässigtes Genre, während sie im angloamerikanischen Raum eine lange und wichtige Tradition hat. Ich liebe Kurzgeschichten und sie passen wunderbar in unsere schnelllebige Zeit. Snippy bringt Kurzgeschichten aller Genres und Zeiten auf Smartphones, vom Mittelalter über moderne Klassiker, Gegenwartsautoren bis hin zu unentdeckten, jungen Talenten. Momentan sind etwa 130 Geschichten zwischen zwei und 70 Minuten in der App; jede Woche kommen zwei neue hinzu. Der größte Clou: Alle Texte kann man lesen UND hören! Wir wurden dafür vor kurzem auf dem Kongress E:Publish zum innovativsten Start-up der deutschen Buchbranche gewählt.

Mit solchen Apps werden auch Kids und Teenager zukünftig mehr lesen, sind auch andere literarische Formen für snippy geeignet? Poesie könnte etwa – mit der Vorlesefunktion – zu neuer Breitenwirkung gelangen? Ein neuer Aufschwung für die Poetry Slam-Kultur und die Möglichkeit der Kombination aus Musik, Bild und Text? Absolut. Genau das ist der Punkt. Der Inhalt hat sich schon immer neue Datenträger gesucht. Die Papyrusrolle oder das per Feder kopierte Buch waren auch nichts anderes als Datenträger; technische Entwicklungen machen neue Lese-Erfahrungen möglich, wie etwa der Buchdruck oder Rowohlt-Rotations-Romane, die das Taschenbuch einer Masse zugänglich machten. Nichts anderes passiert heute mit der Digitalisierung, deshalb halte ich überhaupt nichts von Kulturpessimismus. Die neue Technik bietet uns wunderbare Möglichkeiten, etwa in der Verknüpfung von Audio, Text und Bild, und macht Texte einer größeren Masse zugänglich.

Kann man sich mit snippy auch eigene Kurzgeschichten aufs Phone laden? Bebildert und musikalisch angereichert? So weit ist es noch nicht, aber wir entwickeln die Funktionalität von snippy stetig weiter. Und genau so etwas haben wir auch im Blick, wobei sich hier immer die wichtige Frage der Qualitätskontrolle stellt. Setzt man auf Masse und lässt alles durchgehen oder schaltet man einen Filter zwischen? Masse macht auf Dauer stumpf, ich weiß nicht, ob es ohne Nadelöhr funktioniert.

Was ist das Geschäftsmodell hinter snippy und wer hat es entwickelt? Die Geschäftsmodelle in diesem Bereich haben ungefähr eine Halbwertszeit von vier Wochen. Wir – mein Geschäftspartner und ich – verfahren nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Derzeit bieten wir eine kostenlosen Lite-Version, die sehr guten Zuspruch findet und eine Vollversion, die noch 2,99 Euro kostet, bald als Flatrate aber teurer wird. Dafür kann man demnächst in der Lite-Version auch einzelne Geschichten und Geschichtenpakete für 79 Cent kaufen. Ich glaube, die Leute geben lieber zehn mal 79 Cent aus als einmal 7,90 Euro. Als zweites Standbein bieten wir unser System auch Verlagen als günstige System-Lösung an, so können Verlage zu guten Konditionen ihre Marke in den App- oder Android-Store transportieren und ihre Inhalte dort verkaufen.

Funktioniert snippy auch auf anderen Geräten – etwa dem iPad oder anderen Tablets? Die iPad und Android-Programmierung läuft gerade, und die Apps werden ab Mitte Januar 2012 verfügbar sein.

Gibt es schon snippy-Workshops? (Für Autoren, Verleger, Partner...) Gute Idee, gibt’s noch nicht.

Es gibt unzählige Innovationen in der digitalen Welt, darüber werden auch Kongresse für Neues Publizieren veranstaltet – werden Autoren in Zukunft anders schreiben als bisher? Teilweise. Ich denke, neue Technologien erzeugen auch neues Schreiben; die Welt wird fragmentarischer, alte Strukturen und Beziehungen, etwa zwischen Autor, Verlag, Buchhandel und Leser, brechen auf. Der Kontakt des Autors zum Publikum wird direkter. Daher werden von Autoren heutzutage immer stärker auch andere Fähigkeiten jenseits des Schreibens verlangt. Trotzdem bin ich überzeugt, dass Autoren eine große Zeit bevorsteht; Geschichten halten unsere Welt zusammen. Sie müssen nur gut sein.

Wo steht die Verlagsbranche heute bezüglich der neuen Publikationsformen? Ganz sicher an einem Wendepunkt, nur die meisten wollen das nicht wahrhaben. Verständlich. Sich zu ändern, kostet Kraft und Energie und birgt das Risiko, zu scheitern. Das Problem ist: Sich nicht zu ändern, birgt ebenfalls ein Risiko, meines Erachtens nach das höhere. Deshalb würde ich als Verlag offen sein für Neues, sacht aber beharrlich neue Wege beschreiten, ohne die alten Umsatzbringer aus den Augen zu verlieren.

Das Gespräch führte Marion Fugléwicz-Bren, freie Autorin in Wien.

ZUR PERSON: André Hille, geboren 1974, arbeitete viele Jahre als Journalist, Autor und Lektor/Programmleiter. Er hatte Lehraufträge an Universitäten in Saarbrücken und Leipzig. 2008 gründete er die Autorenschule Textmanufaktur. Seit 2010 ist er Dozent am Mediacampus Frankfurt, führt die Literaturagentur Hille & Jung und gründete 2011 in Leipzig die snippy GmbH.

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