Data-Mining spürte Pleiten auf Detail - Computerwelt

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30.06.2009 idg/Rudolf Felser

Data-Mining spürte Pleiten auf

Offenbar hilft Data-Mining vorherzusagen, wann in Unternehmen eine Krise droht.

In Krisenzeiten ändert sich das E-Mail-Verhalten der Mitarbeiter massiv. Offenbar hilft Data-Mining vorherzusagen, wann in Unternehmen eine Krise droht. Das zeigt die Analyse von E-Mails, die Enron-Mitarbeiter kurz vor der Pleite des Unternehmens verschickten.

Die Netzwerktheoretiker Ben Collingsworth und Ronaldo Menezes analysierten 517.431 E-Mails von 150 Mitarbeitern aus dem Management des Energieriesen und stellten fest: Die drohende Pleite des Unternehmens hinterließ deutliche Spuren in ihrem E-Mail-Verhalten. Die zwei Wissenschaftler gehören zum Florida Institute of Technology aus Melbourne und präsentierten die Ergebnisse des Data Mining auf dem "International Workshop on Complex Networks" Ende Mai im italienischen Catania.

Collingsworth und Menezes suchten nach Netzwerken und Cliquen im Nachrichtenberg der Enron-Mitarbeiter und danach, wie sich diese Kommunikationsnetze während der Krisenmonate veränderten. Dafür bestimmten die Wissenschaftler mehrere Schlüsselereignisse vor der Pleite, etwa das Abdanken des CEOs Jeffrey Skilling im August 2001. Sie sahen sich den E-Mail-Verkehr rund um diese Ereignisse genauer an und stellen Erstaunliches fest: Das E-Mail-Verhalten verändert sich nicht wie erwartet zum Krisenzeitpunkt.

Die Nachrichtenmenge schwillt rund einen Monat vor den brisanten Ereignisse an. Beispielsweise stieg die Zahl der aktiven E-Mail-Cliquen, also der Personen, die jeweils im direkten Kontakt miteinander stehen, kurz vor dem Kollaps Enrons im Dezember 2001 rapide von 100 auf rund 800 an. Die Forscher erklären sich dieses Phänomen damit, dass Mitarbeiter in stressigen Zeiten aufhören ihre Informationen breit zu streuen und sich verstärkt an ihnen vertraute Personen wenden. Zudem sind Mitarbeiter meistens besser informiert, bzw. hören Gerüchte rascher, als der Rest der Öffentlichkeit.

DIE MENGE MACHT'S Glaubt man den Thesen Collingsworths und Menezes, könnte also die Auswertung des E-Mail-Verkehrs in einem Unternehmen davor warnen, wenn die Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern wächst. Dazu müssten keine E-Mail-Inhalte ausgelesen, sondern lediglich die Menge der Daten und die Veränderung in den Netzwerken analysiert werden. Dies könnte auch mit anonymisierten E-Mails geschehen. Da sich das Kommunikationsverhalten ein paar Wochen vor einer Krise verändert, hat das Management noch Zeit, zu reagieren.

Ein Prozess, der mit Business-Intelligence-Anwendungen angestoßen werden könnte. Doch ist die Analyse von Daten in diesem Bereich aus Datenschutzgründen nicht unproblematisch. Auf der ganzen Welt wird darüber diskutiert, wie weit Unternehmen gehen dürfen, wenn sie Informationen über ihre Mitarbeiter sammeln.

Während für CEOs die Sicherheit im Vordergrund steht, sorgen sich Mitarbeiter um Datenschutz und ihre Persönlichkeitsrechte. Und letztere sind selbst dann betroffen, wenn man E-Mail-Inhalte nicht ausliest: Um relevante Cliquen zu identifizieren, muss man den E-Mail-Verkehr als großes Netz abbilden und anschließend zentrale Knoten ausmachen, also Punkte, die besonders intensiv kommunizieren. Folglich verrät der E-Mail-Verkehr sehr viel über die sozialen Netzwerke in einem Unternehmen.

SCHLÜSSELPOSITIONEN AUFSPÜREN Im Fall Enron übrigens machte ein weiterer Wissenschaftler, der die E-Mail-Daten auswertete - der Informatiker Jeffrey Heer von der University of California in Berkley - eine interessante Beobachtung: Timothy Belden, der frühere Chefhändler von Enron, bekam viel Post aus dem ganzen Unternehmen, verschickte selber aber keine einzige Nachricht. Belden erwies sich später als eine der Schlüsselfiguren der Enron-Pleite. Er gestand in Prozessen, künstlich Engpässe auf dem kalifornischen Strommarkt erzeugt und damit viel Geld verdient zu haben. (Computerwoche/rnf)

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