Eigene Testfactory der Schweizerischen Bundesbahnen Detail - Computerwelt

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04.03.2009 Rudolf Felser

Eigene Testfactory der Schweizerischen Bundesbahnen

Software-Tests sollten von Mitarbeitern in einer Testfactory durchgeführt werden, die zwar im Unternehmen eingegliedert, aber unabhängig ist.

Die Schweizerischen Bundesbahnen SBB mit Sitz in Bern ist so etwas wie "die heimliche Vorbildbahn Europas". Im Jahr 2007 erreichten die Züge aller Klassen zu 96,2 Prozent pünktlich ihr Ziel. Über 306 Millionen Fahrgäste und rund 60 Millionen Tonnen Güter wurden im Jahr 2007 durch die SBB bewegt.

Hinter diesen Zahlen steckt nicht zuletzt ein gewaltiges Netzwerk an Software, das all dies zum Laufen bringt. Diese Software wurde bei der SBB traditionell in den IT-Abteilungen der drei Divisionen Personenverkehr, Güterverkehr und Infrastruktur spezifiziert, implementiert und getestet. Ein Beispiel unter vielen ist die Möglichkeit der Bahnkunden, ihre Fahrkarten auf unterschiedliche Art und Weise zu kaufen. Dies ist am Bahnhofsschalter, an Ticketautomaten, Online und über Mobiltelefone möglich.

"Der Ticketverkauf gehört zwar in den Bereich 'Point of Sale' (PoS) und beinhaltet dieselben Preise, Abrechnungen und Verteilungen", sagt Bruno Linder, Leiter der SBB Testfactory. "Aber die verschiedenen Arten an Software die dabei im Hintergrund laufen, wurden unabhängig von einander von verschiedenen zuständigen Projektteams getestet und eingeführt. Das ist natürlich sehr ineffizient, da so vorhandene Schnittmengen nicht genutzt werden konnten."

ZUSAMMENLEGUNG Im Zuge einer internen Restrukturierung bei der SBB wurde deshalb aus den einzelnen Divisionen die Softwareentwicklung ausgegliedert und zu einer zentralen SBB Informatik zusammengefasst. Ziel der Zusammenlegung war es, die diversen Applikationen zu vereinheitlichen und zu zentralisieren, Synergieeffekte der einzelnen Abteilungen zu bündeln, Ressourcen besser zu nutzen und die Effizienz der Softwareentwicklung zu steigern. In dieser neu gegründeten SBB IT wurde zudem eine Testfactory implementiert, die für die kompletten Testprozesse verantwortlich ist.

Unzureichend getestete Software kann starke Auswirkungen auf den Erfolg eines Projekts haben, denn alle Fehler kosten Geld. Die Höhe der Kosten, welche durch Fehler entstehen, hängen davon ab, in welcher Phase des Projekts sie gemacht werden, und der Phase in der sie gefunden werden. Je später Mängel erkannt werden, desto aufwändiger ist deren Beseitigung, verbunden mit geringer Nutzerakzeptanz und exponentiell steigenden Kosten, die sich oftmals erst nach Jahren amortisieren. Je unternehmenskritischer die entwickelte Software für die Firma ist, desto mehr Schaden kann bei Fehlern entstehen. Ziel des Testens ist es deshalb, Fehler so früh wie möglich zu erkennen und darüber zu berichten. Das ist nur möglich, wenn Testmaßnahmen so früh wie möglich in den Entwicklungsprozess der Software eingebunden werden.

Das Testen der Software erfüllt bei der SBB dabei nicht nur die Funktion der Fehlerfindung, sondern ist wesentlich dafür zuständig, die Qualität der Anwendung zu messen und so im weiteren Verlauf steuern zu können. In den Anfängen der Geschichte der Softwareentwicklung und ihren damaligen deutlich weniger komplexen Systemen und Algorithmen waren auch entsprechend weniger komplexe Tests ausreichend. Aber inzwischen führen bei den heutigen, sehr komplexen Systemen und deren Abbildung von immer mehr und immer unternehmenskritischeren Abläufen nur noch Planung und Strategie zum Erfolg.

TESTS SIND SACHE DER EXPERTEN Wie in vielen Unternehmen haben auch bei der SBB die Entwickler aus mangelndem Verständnis für die Notwendigkeit dedizierter Tests lange Zeit ihre eigenen Programme getestet. "Dies gehört jedoch gar nicht zu ihren Kernkompetenzen", so Linder. "Und oft haben wegen Budget- und Termindruck unsere Tests entweder erst am Ende des Projekts stattgefunden, wurden gekürzt oder auch ganz gestrichen."

Tests sollten deshalb im Allgemeinen von darin erfahrenen Mitarbeitern und wenn möglich in einer Testfactory durchgeführt werden, die zwar im Unternehmen eingegliedert, aber von den unterschiedlichen Fachabteilungen und der IT unabhängig ist. Eine solche Testfactory stellt damit eine Art Kompetenzzentrum für Testleistungen dar. Durch den Einsatz von Experten und die Anwendung von einheitlichen Methoden, Strukturen und Standards hilft sie, Fehler frühzeitig zu erkennen und eine reibungslose Inbetriebnahme der Software sicherzustellen.

"Mit dem Aufbau zu Beginn fallen natürlich höhere Kosten an", sagt Linder. "Aber auch hier spüren wir, dass sie bereits wieder sinken und es sich für uns definitiv rentiert. Mit der Testfactory haben wir den Vorteil, das wir jetzt von Überschneidungen, wie sie im Projekt 'Point of Sale' auftreten, profitieren können, da wir unser Know-how an einer Stelle gebündelt haben. Und wir müssen nicht jedes Mal das Rad neu erfinden, sondern können unser Wissen jederzeit wieder auf folgende Testprojekte übertragen. Unsere Projekte laufen damit schneller ab und auch die Qualität verbessert sich laufend, da wir Fehler gleich zu Beginn und an der richtigen Stelle finden."

SPEZIALISTEN AN BORD Für den Aufbau ihrer Testfactory hat sich die SBB dazu die Hilfe eines Experten an Bord geholt. Bei der Konzeptionierung stand das Münchner Unternehmen Beck et al. projects, spezialisiert auf Testmanagement und -Beratung, Softwareentwicklungen, IT-Beratung und Projektmanagement der SBB zur Verfügung. Neben der SBB arbeitet Beck et al. projects auch für Unternehmen wie Siemens, Audi, T-Systems oder Infineon.

Die Entscheidung für den Aufbau der Testfactory fiel schließlich im Dezember 2006. Nach der Zentralisierung der IT in der Zentralen IT wurde unter der Leitung von Beck et al. projects ein Konzept zum Aufbau einer Testfactory entwickelt. Der Start zum Aufbau dieser Testfactory war der 1. Januar 2007. Beck et al. projects besetzte für die ersten zehn Monate die Leitung der Testfactory. In dieser Zeit wurde der Mitarbeiterstamm von vier auf 15 ausgebaut, es wurden Testprozesse und Testmethoden in Abstimmung mit angrenzenden Bereichen formuliert und umgesetzt sowie Marketingmaßnahmen innerhalb der SBB und notwendige Recruiting- und Ressourcen-Management-Maßnahmen geplant und umgesetzt.

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