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25.05.2011 Martin Bayer*

ERP-Systeme - zu langsam für das Business?

Die Anforderungen des Business an die ERP-Systeme steigen. Ob die aktuell betriebenen Anwendungen den neuen Herausforderungen gewachsen sind, bezweifeln Experten.

Moderne Unternehmen haben ihre Prozesse im Griff und ihre IT-Architektur strikt an den Geschäftszielen ausgerichtet. Moderne Unternehmen sind in der Lage, mit Hilfe einer flexiblen IT ihre Geschäftsabläufe je nach Marktanforderung schnell zu verändern und neu zu justieren. Moderne Unternehmen können auf Basis von einfach anpassbaren IT-Lösungen jeden Grad an Komplexität im täglichen Business meistern.

So weit die Theorie vom agilen Unternehmen oder Enterprise 2.0, die Wirtschaftsexperten, Berater und Analysten seit Jahren predigen. Wie ein agiles und flexibles Unternehmen funktionieren sollte, ist im Grunde bekannt, genauso wie die zugrunde liegenden Zusammenhänge zwischen Business und IT. Doch die Realität sieht anders aus. Das hat man spätestens im zurückliegenden Krisenjahr gesehen, als viele Firmen gezwungen waren, ihr Geschäftsmodell, ihre Prozesse und ihre interne Organisation auf den Prüfstand zu stellen. Ein geordnetes "Change Management" beziehungsweise eine "Business Transformation", wie es im guten Beraterdeutsch heißt, gelang den wenigsten Firmen. Im Gegenteil: Panikreaktionen und Aktionismus bestimmten das Handeln und die Strategie vieler Firmenlenker.

DIE ERP-HERAUSFORDERUNGEN "Firmen müssen heute schnell auf Herausforderungen in ihrem Geschäftsumfeld reagieren können", sagt Axel Schoth, verantwortlich für das ERP Innovation Lab am Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH). Für die Unternehmen werde es immer schwieriger, sich im Markt von ihren Wettbewerbern zu differenzieren. Dabei gehe es längst nicht mehr allein um die Produkte. Auch Dienstleistungen und Services spielten im Portfolio-Mix eine immer wichtigere Rolle. "Das wirkt sich auf die IT-Systeme aus", so der Softwareexperte. ERP müsse eng an den Prozessen sein und sich schnell an Veränderungen anpassen lassen.

"Die Herausforderungen für die Firmen steigen", beobachtet auch Markus Heinen, Leiter der Management-Beratung bei Ernst & Young Advisory Services. Speziell die Wirtschaftskrise habe dazu geführt, dass Unternehmen ihr Geschäftsmodell und ihre Geschäftsprozesse im Grunde laufend hinterfragen müssten. Die Organisationen seien zunehmend gezwungen, sich ständig neu zu justieren und immer wieder neu zu erfinden. "Die Dynamik ist mittlerweile extrem stark", sagt Heinen. "Die in den vergangenen Jahren viel beschworene Globalisierung ist angekommen - bei den Konzernen, aber auch im Mittelstand."

Darüber hinaus stehen die Firmen heute vor der Herausforderung, Organisation und Prozesse auf neues Wachstum zu trimmen, berichtet Martin Arnoldy, SAP- und ERP-Experte in IBMs Beratungssparte Global Business Services. Viele Unternehmen seien davon überrascht worden, wie schnell die Wirtschaft wieder anzieht. Haben die Verantwortlichen in der Krise hauptsächlich die Kosten im Blick gehabt, gehe es jetzt vor allem darum, die Geschäftsprozesse für die laufende Wachstumsphase richtig zu unterstützen. "Das muss vor allem jetzt schnell passieren", sagt Arnoldy.

DIE ERP-ANFORDERUNGEN "Die ständigen Geschäftsmodellanpassungen erfordern eine hohe Flexibilität im ERP-System", folgert Ernst-&-Young-Partner Heinen. Business-Anwendungen müssten sich zügig anpassen lassen. ERP-Hersteller und Anwender sollten daher das Thema Agilität stärker in den Vordergrund rücken. Es gehe darum, die Softwarelösungen zu dynamisieren und anpassbarer zu machen. Heinen nennt in diesem Zusammenhang Stichworte wie "Enterprise 2.0" oder "Agile Enterprise". Diese Schlagworte verblassten jedoch schnell, wenn die Unternehmen nicht in der Lage seien, die dahinterstehenden Ideen in ihren Softwaresystemen abzubilden.

Beispielsweise müssten Unternehmen heute ihre Mitarbeiter, Abteilungen, Niederlassungen und Geschäftsbereiche intern viel stärker miteinander vernetzen, aber auch extern Partner und Kunden in das firmeneigene Ökosystem einbinden. Eine Integration mit vielen unterschiedlichen Schnittstellen sei jedoch falsch, warnt Heinen. Das schaffe Abhängigkeiten, sei nur schwer zu verwalten und erhöhe drastisch die Komplexität. Die Unternehmen benötigten vielmehr dynamische Systeme, die es erlaubten, diese Verbindungen schnell und flexibel aufzubauen und auch wieder zu entflechten.

Die ERP-Systeme steckten in einem Spannungsfeld, ergänzt Jan-Henning Krumme, ERP-Experte von Accenture. Angesichts der weiter anhaltenden Konsolidierung in einigen Branchen sowie der noch nicht abgeschlossenen Globalisierung müssten die Firmen ihre Integrationsanstrengungen verstärken. Für die erforderliche Konsolidierung böten sich im Grunde zentrale ERP-Monolithen an. Auf der anderen Seite wachse jedoch der Bedarf, Prozesse schnell und flexibel ändern zu können. Zwei Ansprüche, die sich nur schwer unter einen Hut bekommen lassen - ein ERP-Dilemma.

DAS ERP-PROBLEM Die meisten ERP-Systeme sind von ihrer Historie her viel zu statisch und zu starr. Service-orientierte Architekturen (SOA) haben dies noch nicht hinreichend gelöst. Anpassungen im Zuge einer Business Transformation fallen den Firmen nach wie vor schwer. "ERP muss zum Technologie- und Innovationshebel werden und darf kein Hinderungsgrund für erforderliche Business Transformationen mehr sein", mahnt Heinen.

Viele ERP-Systeme wurzelten entwicklungsgeschichtlich in der industriellen Welt, erläutert Arnold Picot, Professor und Leiter des Instituts für Information, Organisation und Management an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Für andere Bereiche wie Wissens-Management und Dienstleistungen, die für die Wertschöpfung immer wichtiger würden, seien diese Applikationen nur bedingt tauglich. Heute gehe es vor allem darum, Information und Kommunikation innerhalb der Unternehmen, aber auch mit Kunden und Partnern richtig zu steuern. Diese Prozesse seien üblicherweise nicht in den Referenzarchitekturen der ERP-Anbieter hinterlegt. "ERP-Systeme können nur begrenzt unternehmensübergreifend arbeiten", so Picots Fazit. Dabei stellten gerade die Vernetzung mit Kunden und Partnern sowie der damit zusammenhängende Datenaustausch eine der größten IT-Herausforderungen dar, der sich Unternehmen heute stellen müssten.

Doch das sei dem Management oft gar nicht bewusst, warnt FIR-Experte Schoth. "Viele Firmenlenker nehmen gar nicht wahr, wie wichtig ERP für ihr Unternehmen ist." Letztlich steuere das ERP-System aber sämtliche grundlegenden Prozesse. Je nachdem, wie effizient die Software die Abläufe unterstützt, funktionieren sie besser oder schlechter. Viele Manager wissen das nicht. Sie sehen laut Schoth ERP als Tool, das einfach funktioniert und genau das macht, was sie wollen.

"Das kann die IT jedoch nicht erfüllen", stellt Schoth klar. IT glänze in der Regel nicht gerade als Innovationstreiber in den Unternehmen. Das liege jedoch nicht am fehlenden Eifer der IT-Abteilungen. Schuld daran sei meist die Komplexität der Systeme. "Es ist nicht trivial, diese miteinander zu verbinden, zu integrieren und zu verändern." Schließlich kostet dieser Aufwand auch Geld - und das war gerade im vergangenen Jahr bei den Finanzchefs kaum locker zu machen.

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