"Big Data? Was soll das eigentlich heißen?" "Big Data? Was soll das eigentlich heißen?" - Computerwelt

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"Big Data? Was soll das eigentlich heißen?"

Wie gewinnt man einen Präsidentschaftswahlkampf? Würde man US-Präsident Obama fragen, würde seine Antwort heute wahrscheinlich lauten: Mit dem Einsatz von IT. Und natürlich den richtigen Leuten, wie zum Beispiel dem Datenanalysten Rayid Ghani. In Kopenhagen stand Obamas ehemaliger Chef-Wissenschaftler Computerwelt.at Rede und Antwort über den Einfluss von IT auf den Ausgang des Wahlkampfes.

Rayid Ghani

Rayid Ghani

© Rudolf Felser

Für viele Beobachter war der Einsatz von IT bei der Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama im Jahr 2012 ein ganz entscheidender Faktor für den Sieg. Nicht nur, dass im Laufe der Kampagne unter dem Motto "Forward" alle Kanäle, ganz besonders Social Media, bedient wurden. Darüber hinaus wurden in einem nie vorher dagewesenen Umfang kritische Entscheidungen mittels der Analyse riesiger Datenberge getroffen, anstatt ausschließlich auf das Bauchgefühl erfahrener Wahlkampfstrategen zu bauen. Beantwortet wurden Fragen wie, in welchen Staaten massiv in den Wahlkampf investiert werden sollte und in welchen nicht, weil die Erfolgsaussichten ohnehin bescheiden waren, oder auch welche Betreffzeile in einer E-Mail die größte Wahlkampfspende nach sich ziehen würde. Als Chef seiner Datenspezialisten holte sich Obama damals den auf dem Politik-Parkett unerfahrenen, aber dafür in der Analyse von Datenbergen umso bewanderten Rayid Ghani ins Boot. In Kopenhagen stand Obamas damaliger Chef-Wissenschaftler der COMPUTERWELT Rede und Antwort über den Einfluss von IT auf den Ausgang des Wahlkampfes.

Computerwelt: Was haben Sie getan, bevor Sie zum Chef-Wissenschaftler der Obama-­Kampagne wurden?
Rayid Ghani:
Ich war zehn Jahre lang im Forschungslabor von Accenture tätig und dort verantwortlich für die Analytics and Data Research Group. Einerseits war ich im Zuge meiner Aufgabe damit beschäftigt, Algorithmen zu erstellen um verschiedene Probleme vorherzusagen, aber andererseits auch damit, Unternehmen zu zeigen, wie ihnen die neuen Technologien helfen können.

War das eine gute Vorbereitung auf Ihre spätere Aufgabe?
Was mir bei meiner Arbeit für die Präsidentschafts-Kampagne sehr geholfen hat, war die Erfahrung auf verschiedenen Gebieten. Ich wurde ausgewählt, weil jemand gesucht wurde der neue Ideen und einen Blick von außen auf die Sache hat, der weiß, was technisch möglich und was wirklich nützlich ist. Nur über politische Arbeit musste ich noch viel lernen. Das war aber leichter, weil ich es schon gewohnt war mich mit vielen verschiedenen Gebieten zu beschäftigen.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie diesen Job bekommen würden?
Ich wurde im Juni 2011 angeheuert, Zeit hatten wir insgesamt bis November 2012. Offiziell gestartet wurde die Kampagne dann im April.

Wie sieht ein normaler Arbeitstag des Chefwissenschaftlers einer Präsidentschafts-Kampagne aus?
Auf einem hohen Niveau ist er jedem anderen Job, in dem man Projekte und ein Team hat, sehr ähnlich. Aber man hat sehr viel zu tun und die Deadline für alle Abgaben ist exakt dieselbe. Das bedeutet man muss viele Dinge gleichzeitig machen, was es schwerer macht als einen normalen Job. Man kann nichts aufschieben. Man muss bei jedem Projekt erkennen, wann es gut genug ist und man sich der nächsten Aufgabe zuwenden kann.

Wie sah Ihre IT-Infrastruktur aus?
Vieles haben wir selbst entwickelt. Für die Kongresswahlen 2010 haben die Demokraten bereits viel Infrastruktur aufgebaut, die dann für die Präsidentschaftskampagne noch vorhanden war. Wir haben klein angefangen, mit dem absolut Notwendigsten, und dann darauf aufgebaut. Das war gutes Timing, denn normalerweise muss man bei jeder Kampagne von Null anfangen. Wenn die Wahlkämpfe laufen ist genug Geld da. Aber zwischen den Wahlkämpfen fehlt meistens das Geld, um die aufgebauten Ressourcen zu erhalten.

Was haben Sie eingesetzt?
Wir hatten nicht viele kommerzielle Tools – anfangs hatten wir nicht das Geld, eine große Lösung zu kaufen. Wir hatten zum Beispiel eine sehr gute kommerzielle Datenbank und Visualisierungs-Software. Aber das meiste waren Eigenkreationen, basierend auf Open-Source-Software oder selbstprogrammiert. Wichtig war, dass man die Lösungen gleich einsetzen konnte. Wir hatten keine Zeit für lange Setups oder drei Monate Nutzer-Training. Zusätzlich hatten wir noch drei weitere Datenbanken und weitere Tools. Außerdem hatten wir beispielsweise ein Statistik-Tool im Einsatz, das ausgewählt wurde weil die Studenten, die wir angeheuert hatten, sich damit bereits auskannten.

Wo kam Big Data ins Spiel?
Big Data? Was soll das eigentlich heißen? Es ist nur das neueste Buzzword. Das Buzzword ändert sich alle paar Jahre. Erst gab es Business Intelligence, dann hieß es Data Mining, dann kam Big Data. Es gibt eine Menge Buzzwords, aber was sie alle meinen ist: Wie kann ich auf der Grundlage meiner Daten bessere Entscheidungen treffen? Der Name dafür wird sich ständig ändern. Aber es ist kein Hype. Denn mittels dieser Daten sind Unternehmen und Personen besser informiert und können bessere Entscheidungen treffen.

Aber die Technologie ist jetzt reif.
Die Storage- und Analyse-Technologien sind jetzt reif, das stimmt. Die Technologien für die Datenspeicherung sind schon länger reif. Es gab viele Tools. Was jedoch schwer war, war sie auf skalierbare Weise einzusetzen. Die Herausforderung ist jetzt, wie man sie implementiert.

Was wurde bei der Obama-Kampagne 2012 automatisiert von der Software erledigt, und was von den menschlichen Helfern?
Die meiste Arbeit haben die Menschen erledigt. Viele unserer Daten haben wir von den freiwilligen Helfern erhalten, die mit den Leuten gesprochen und Notizen gemacht haben. Denn in so einem Fall sind es die zwischenmenschlichen Beziehungen die zählen. Die Software errechnet, mit wem man sprechen sollte, aber letztendlich spricht der Mensch mit dem Menschen.

Wenn Sie in 20 Jahren zurückblicken, wird dann Ihre Arbeit für diese Kampagne das Highlight in Ihrem Leben sein?
Ich hoffe nicht. Ich hoffe nicht, dass diese Arbeit die interessanteste und wichtigste sein wird, die ich je gemacht habe. Was ich gerade tue hat ebenfalls großes Potenzial. Ich möchte Dinge tun, die den Menschen und der gesamten Gesellschaft helfen können. Ich beschäftige mich etwa viel mit dem Ausbildungs- und Gesundheitswesen und wie die Analyse von Daten hier zu Verbesserungen führen kann. Hoffentlich hat diese Arbeit einen größeren Einfluss auf die Welt als mein Beitrag zum Präsidentschafts-Wahlkampf.

Woran arbeiten Sie gerade?
Momentan sind das zwei Dinge. Das erste ist ein Startup-Unternehmen, basierend auf dem Facebook-Tool für das Sammeln von Spenden, das wir für die Kampagne entworfen haben. Wir wollen daraus ein Fundraising-Tool für Non-Profit-Organisationen und Charitys machen, um ihnen zu helfen mehr Spenden zu generieren. Daneben bin ich seit ein paar Wochen an der University of Chicago, wo ich an einem Master- und PhD-Programm für "Data-driven Policymaking" arbeite. Diesen Sommer machen wir außerdem ein "Data Science for Social Good Summer Fellowship". Dafür wählen wir zwischen 30 und 40 Studenten aus den Vereinigten Staaten und anderen Ländern aus, holen sie nach Chicago und arbeiten mit ihnen an Projekten für unter anderem Non-Profits, Regierungsorganisationen oder das Gesundheitswesen. Wir lehren sie, an echten Problemen zu arbeiten. Das hat möglicherweise auch einen großen Einfluss auf die Welt.

Das Gespräch führte Rudolf N. Felser.

Rayid Ghani:
Rayid Ghani war Chief Scientist der Wiederwahl-Kampagne von US-Präsident Barack Obama im Jahr 2012. Sein Fokus lag damals auf den Feldern Analytics, Technologie und Daten sowie deren Einsatz für die Verbesserung des Fundraising, der Rekrutierung freiwilliger Helfer und der Mobilisierung von Wählern. Davor war er als Senior Research Scientist und Director of Analytics Research bei den Accenture Labs tätig. Seit kurzem ist er als Chief Data Scientist an der University of Chicago im Einsatz und arbeitet darüber hinaus in einem Startup-Unternehmen.

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