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24.04.2013 :: Printausgabe 09/2013 :: Alex Wolschann

"Jedes Unternehmen braucht eine Cloud-Strategie"

Cloud Computing wird von den IT-Anbietern momentan als Allheilmittel angepriesen. Microsofts Norm Judah sieht vor allem für kleine Unternehmen enorme Potenziale, aber auch Herausforderungen für CIO und CEO aufgrund der großen Agilität der Cloud.

Norm Judah, Microsoft

Norm Judah, Microsoft

© Microsoft

Norm Judah hat als Chief Technology Officer of Worldwide Services von Microsoft mit Unternehmen auf der ganzen Welt zu tun und kennt deren Bedürfnisse rund um den Globus. Als ausgewiesener Experte für Cloud Computing hat Judah im Rahmen eines Kurzbesuchs beim Microsoft Day in Wien exklusiv mit der COMPUTERWELT über die faktische ­Bedeutung von Cloud-Lösungen in den Unternehmen, die damit zusammenhängenden Veränderungen in den Führungsetagen und den damit einhergehenden Spannungen zwischen CIO und CEO gesprochen.

Computerwelt: Cloud-Dienste und Lösungen gibt es bereits seit vielen Jahren. Warum setzen IT-Anbieter gerade jetzt so stark auf Angebote aus der Wolke?
Norm Judah: Der Schlüssel zu dieser Antwort liegt in den neuen Charakteristiken der Cloud-Lösungen. Die meisten Mainframe-Timeshare-Lösungen sind schon in der Cloud gelaufen, aber die Herangehensweise, wie wir die Cloud heute betreiben, hat sich stark verändert – aber auch, welche Services tatsächlich angeboten werden. So gut wie alle namhaften Hersteller setzen auf Standardisierung.
Die Möglichkeiten, die sich dadurch im Betrieb ergeben, sind riesig. Die Geschwindigkeit, mit der Services zur Verfügung gestellt werden können, hat sich drastisch verändert. Wer heute etwa einen Azure-Server haben will, bekommt ihn sofort ohne Zeitverlust. Es geht nicht mehr nur um die Infrastruktur, sondern immer mehr um die Services und wie schnell sie zur Verfügung stehen. Natürlich hat auch die Entwicklung des Internet eine große Rolle gespielt. Früher wurden IP-Adressen mühsam zugewiesen, heute bekommt man davon gar nichts mit und alle Geräte sind mit dem Internet verbunden. Das beflügelt Techniken wie Cloud Computing natürlich.

Sind Sie der Ansicht, dass jedes Unternehmen, unabhängig von Branche und Größe, von Cloud-Lösungen profitieren kann?
Für kleine Unternehmen sind die Möglichkeiten hinsichtlich Vereinfachung und Effizienzsteigerung enorm und die Vorteile, die sich durch die Cloud ergeben, müssen jetzt wahrgenommen werden. Viele Unternehmen sind noch zögerlich, aber allein die Ersparnis von Hardware und IT-Administrationskosten ist die Sache allemal wert. Bei großen Unternehmen muss man sich die individuelle Situation sehr genau ansehen. Es gibt riesiges Potenzial was Mail as a Service oder Storage as a Service betrifft, aber die Auswahl ist sehr wichtig. "Cloud first" ist ein guter Ansatz, er bedeutet aber nicht, dass es automatisch eine Public-, Private- oder Hybridlösung sein muss. Selbst wenn die Cloud-Lösung innerhalb des Data Center sitzt, können immer noch große Vorteile aus einzelnen Cloud-Konzepten realisiert werden. Im Grunde bin ich der Ansicht, dass für jede Brache und Unternehmensgröße eine sinnvolle Cloud-Lösung gefunden werden kann. Das betrifft aber genauso alle Märkte und Länder.

Was bedeutet diese Entwicklung für den CIO? Braucht heutzutage jeder moderne CIO eine Cloud-Strategie?
Jedes Unternehmen braucht heute eine Cloud-Strategie, selbst wenn sie beinhaltet dass man gar nichts in diese Richtung tun wird, aber jeder muss sich über das Thema Cloud Gedanken machen. Dem CIO muss jedoch bewusst sein, dass sich die IT verändern wird. Das hat sie zwar immer getan, aber nicht in dieser Intensität und Geschwindigkeit, und das macht viele Leute auch nervös. Wenn man sich darauf nicht einstellen kann, hat man in der IT nichts verloren.
Wenn ein Unternehmen Office 365 einsetzen will und Collaboration in der Cloud, dann muss es jemanden im Unternehmen geben, der versteht, worum es dabei überhaupt geht, wie es ins Unternehmen integriert wird, welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden müssen und wie es mit Compliance, Governance und Identitätsmanagement aussieht. Nur weil ich Services in der Cloud betreibe heißt das nicht, dass ich mich um diese Aspekte nicht mehr kümmern muss. Es hat sich also auch nicht alles geändert, viele Dinge sind auch mit der Cloud genauso wie zuvor. Vieles ist aber auch neu. Die Spannungen, die es in vielen Unternehmen zwischen CIO und CEO gibt, rühren hauptsächlich aus der Agilität und Geschwindigkeit der Cloud. Der CEO kann jetzt viel mehr Knöpfe drücken als zuvor und der CIO ist hier natürlich mehr gefordert.

Kommen diese Veränderungen zwangsweise von oben? Welche Rolle spielt hier der einzelne Mitarbeiter, Stichwort Consumerization?

Das funktioniert natürlich in die Richtung. Vieles wird auch von der Mitte getrieben, wenn man das so sagen kann. Die PC-Revolution ist von unten gekommen, das haben schon viele vergessen. Es geht aber heute viel mehr um die Endgeräte und was jeder Einzelne damit tun kann, und vor allem besser oder schneller tun kann als bisher. Die meisten Leute sind heute viel besser ausgebildet, als es noch in der PC-Ära der Fall war. Jedes Unternehmen muss sich dieser Entwicklung bewusst sein und wie sie in den unterschiedlichen Ebenen im Unternehmen getrieben wird.

2013 sollen Studien zufolge über eine Mrd. mobile Applikationen geladen
werden, bis 2016 soll es eine zwei­stellige Zahl sein. Werden die Business-App-Stores den Schwung aus dem Endkundensegment nutzen können?

Eine Frage gleich vorweg: Wie viele Apps, und das ist wirklich eine enorme Zahl, werden denn tatsächlich benutzt und wie lange? Da muss man schon sehr genau differenzieren. Business-App-Stores stehen aber noch ganz am Anfang. Es ist auch ein großer Unterschied, ob es sich um einen internen App-Store handelt oder nicht. Updates für Programme oder individuell programmierte Features für einzelne Kunden können über App-Stores bequem distribuiert werden und die Integration sowie die Security und Compliance ist gewährleistet. Für externe Stores, wo gänzlich neue Programme geladen werden können, braucht es im Business-Umfeld noch Zeit.

Braucht heute auch jedes Unternehmen eine Social-Media-Strategie oder ist auch ein Verbot noch eine Option?
Wenn Unternehmen Social Media verbieten wollen, kann ich ihnen nur viel Glück wünschen. Es gibt heute Möglichkeiten für Mitarbeiter und Kunden in unterschiedlichen Kanälen. Die IT-Abteilung kann sich nur entscheiden, ob sie ein Teil davon ist oder nicht. Wenn sie es passieren lässt, hat nicht mehr das Unternehmen die Kontrolle über die Kommunikation.

Das Gespräch führte Alex Wolschann.

Norm Judah:
Norm Judah ist Chief Technology Officer of Worldwide Services bei Microsoft und agiert als das "technische Gewissen" der Service-Sparte des Unternehmens. Judah hat ein globales Mandat und berichtet direkt an die Konzernspitze. Vor dieser Funktion nahm er eine führende Rolle in der Entwicklung von Microsoft-Plattformen ein und trug den Titel des Corporate Vice President of Business Development. Judah kam 1990 zu Microsoft und war zuvor bei Imperial Oil Limited tätig, wo er unter anderem erstmals Echtzeit-Vertriebssysteme umgesetzt hat.

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Bernhard Kainrath

Bernhard Kainrath
Manager, Legal Field und Deal Management Middle East, Eastern Europe, Africa


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