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12.01.2010 Jan-Bernd Meyer*

Die größten Flops der IT-Geschichte

Marketing-Hype und Wortgeklingel - aber nichts dahinter. Anwender wurden gefragt, welche sogenannte IT-Innovationen aus ihrer Sicht die überflüssigsten waren.

Fragt man Jesper Doub nach seinem Lieblingsflop aus der IT-Branche, dann fällt ihm ein Produkt ein, das er so charakterisiert: "Gute Idee, für das es kaum Applikationen gab und das enorme Hardwarevoraussetzungen verlangte." Unklar, so der Geschäftsleiter Bauer Media Group, war auch, ob das Produkt für den Business-Bereich gedacht war oder seinen vermeintlichen Siegeszug doch eher auf Vobis- und Escom-PCs in privaten Haushalten antreten sollte.

Dabei war das Produkt seiner Zeit voraus. Einige Ideen wie Multitasking oder die Unterstützung mehrerer virtueller Maschinen - unter anderem für die Betriebssysteme DOS, Windows oder auch OS400 - durften als avantgardistisch gelten. Doub weiter: "Die technische Stabilität des Systems war bemerkenswert, auch wenn eine einzelne Anwendung den Rechner auf der Benutzeroberfläche lahmlegen konnte."

Problem: kaum native Applikationen Da zu allem Überfluss auch noch kaum originäre Applikationen für das System zur Verfügung standen, ließ sich die IBM manchmal zu aberwitzigen Angeboten hinreißen: Doub erinnert sich, dass ihm ein Systemhaus seinerzeit allen Ernstes vorschlug, "eine Server-Applikation in einer OS400 Box mit einem Client in einer Windows Box zu betreiben - jeweils auf dem gesuchten Softwaresystem.

Spätestens jetzt ist klar, um welches Betriebssystem es sich handelte, das die IBM gemeinsam mit Microsoft entwickelte und das mit dem Ausstieg der Bill-Gates-Company aus der Kooperation tot war: OS/2 oder "OS-halbe", wie es in Branchenkreisen tituliert wurde, war einer der ganz großen Rohrkrepierer der IT-Welt.

Roland Schopp von der Arachno GmbH hat vorsichtshalber einen großen Bogen um OS/2 gemacht - er zeigte sich allerdings auch bei Microsofts Windows-Vista-Betriebssystem nur verhalten euphorisch und hat es vorsichtshalber, wie viele, gar nicht erst installiert. Auch für Claudius Kempe von der Piening GmbH Services oder für Jens Geyer von der VSX Vogel Software GmbH war OS/2 eine Totgeburt.

Grandios gescheiterte Avantgarde: Nextstep Kempe und Geyer zählen aber auch Nextstep zu den grandios Gescheiterten der IT-Szene. Das Betriebssystem wurde von der Firma Next ab 1988 entwickelt. Es war bedienerfreundlich - was kaum verwundern konnte, stammte es doch von niemand anderem als Steve Jobs. Der war aus der von ihm selbst gegründeten Firma Apple hinausexpediert worden, als Mitte der 80er Jahre die wirtschaftlichen Erfolge ausblieben und er sich zudem mit dem übrigen Apple-Management und insbesondere mit dem damaligen Apple-CEO John Sculley überwarf.

Auf Basis des Unix-ähnlichen Betriebssystems 4.3 BSD und eines Mach-2.5-Kernels schrieb Next ein, wenn nicht das seinerzeit fortschrittlichste Betriebssystem. Die zugehörige Hardware, der Next-Würfel, war bildschön und - ausgestattet mit Motorola-Prozessoren - auch sehr leistungsfähig. Bis zum Ableben von Next war das Betriebssystem auf zehn Plattformen portiert. Hierzu zählten unter anderem Intel-CPUs, Sun-Sparc- und Hewlett-Packards PA-Risc-Chips.

Apropos Steve Jobs Überhaupt Jobs: Der viel Gelobte und heute manchem schon zum Mythos Entrückte hatte es verstanden, mit Next und Nextstep eine halbwegs erfolglose Firma zu führen. Allerdings ließ er sich samt seinem Unternehmen 1996 von Apple kaufen, betätigte sich zunächst als Berater innerhalb der Apfel-Firma, bevor er sukzessive wieder die Alleinherrschaft im Unternehmen übernahm. Nextstep überlebte übrigens als Weiterentwicklung im Apple-Betriebssystem Mac OS X - und wurde so gesehen doch noch ein Erfolg.

Nicht von Jobs zu vertreten, weil der 1993 bei der Mac-Company noch als persona non grata geführt wurde, war die Entwicklung des "Newton"-PDA. Ähnlich wie bei heutigen Produkten veranstaltete Apple auch mit diesem einen veritablen Marketing-Hype. Aber, wie Arachno-Mann Schopp befindet, der Newton war seiner Zeit irgendwie voraus.

Doub erklärt sich das Scheitern des Apple-PDA auch so: "Apple hatte damals schon visionäre Vorstellungen von einem digitalen Personal Digital Assistant. Der konnte sich aber wegen des ungünstigen Preis-Leistungs-Verhältnisses nie am Markt durchsetzen und war deshalb bei weitem nicht so verbreitet wie damals Palm oder Psion."

Überhaupt durchliefen die ersten Generationen der PDAs eine steile Lernkurve. "In dieser Ära der nutzlosen, passiven, schwarz-weißen PDAs war jede Datensynchronisations die reine Mühsal. Zudem waren die Akkus ständig leer - natürlich vor allem dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte", erinnert sich Andreas Dietrich, Noch-CIO der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Für ihn war zudem das Softwareangebot für die damals verfügbaren Hosentaschenhelfer viel zu dürftig. Dietrich: "Das P und D waren ja ok. Aber das A für Assistant habe ich nie verstanden."

Der Fairness halber sollte man sagen, dass diese Kinderkrankheiten bei heutigen Smartphones, den legitimen Nachfolgern der PDAs, nicht vorkommen. Der Gerätetyp verkauft sich dank iPhone und Konsorten sehr gut.

Diese Meinung vertritt auch Oliver Stöckli von der Bison Schweiz AG. Generell gelte, dass die Frage, ob eine Technik oder Entwicklung ein Hit oder ein Flop würden, einfach vom richtigen Zeitpunkt der Markteinführung abhängig sei. Mit dem nötigen Durchhaltevermögen und vielen Investitionen in die Weiterentwicklung - "und manchmal einem neuen Produktnamen" - ließe sich mancher Rohrkrepierer vermeiden.

Offenbarung des Technikzeitalters: WAP Im Gefolge der PDAs und zu Beginn der Handy-Erfolgsstory verkauften die Marketiers auch den Begriff WAP wie eine Offenbarung des Technikzeitalters. Das Wireless Application Protocol sollte via eine Sammlung von Protokollen Internet-Inhalte für Mobiltelefone bereitstellen - und das bei lahmer Übertragung.

Stöckli fällt zur WAP-Entwicklung ein: "Alle sprachen davon, viele haben jede Menge Geld in dafür gedachte spezielle Applikationen investiert. Aber: Wer hat WAP-Dienste überhaupt jemals verwendet?"

Auch Doub von der Bauer Media Group erinnert sich noch lebhaft an WAP: "Was es da nicht alles für bahnbrechende Ideen geben sollte - etwa für Location-based Services. Welche tollen Premium-Dienste da auf den Markt kommen würden! Und erst all die vielfältigen Möglichkeiten für Inhalteanbieter, die über die Technik zusätzliche Erlöse würden generieren können." Problem nur: Die Anwender haben die Technik nicht angenommen. Denn das A und O des Erfolgs von WAP, die hohen Bandbreiten für den schnellen Datentransport, gab es schlicht noch nicht.

Allerdings ist es problematisch, WAP als IT-Flop zu bezeichnen. Begründung: WAP wurde gerade deshalb entwickelt, um Internet-ähnliche Inhalte über langsame Mobilfunkverbindungen zu transportieren. So zumindest die Intention 1997. Erst mit WAP 2.0 kamen schnellere Transferarten und HTML-Inhalte zum Zuge.

Zudem dürften die wenigsten wissen, dass etwa mobile Internet-Portale oder Handy-Internet-Zugänge auf WAP 2.0 basieren beziehungsweise lange Zeit basierten. Außerdem muss man auch sagen, dass mit WAP grundlegende Netzkonzepte und Programmier- und Seitenbeschreibungssprachen wie WML (Wireless Markup Language) oder später XHTML im Mobilfunk Einzug hielten.

Beim Kunden war WAP trotzdem sicher ein Flop. Als Technik muss es jedoch als Erfolg bezeichnet werden. Übrigens nutzen viele noch heute WAP, ohne es zu wissen. Hierbei verhält es sich so ähnlich wie mit Unified Communications. Niemand will es, aber Presence, Collaboration, VoIP und Videoconferencing nutzen viele.

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