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Computerwelt: Aktuelle IT-News Österreich


02.05.2011 Rudolf Felser

Kunden denken in Blech, nicht in Services

In Wien trafen sich Mitte April Vertreter von Rechenzentren aus Deutschland und Österreich, die im Dienste der öffentlichen Verwaltung stehen, um sich über aktuelle Themen und Best Practices auszutauschen.

Cloud Computing ist seit längerem das "Buzzword der Stunde" und hat die meisten anderen Marketing-Schlagworte verdrängt – oder in sich vereint. Während es für kleine Unternehmen relatives Neuland ist, beschäftigen sich große Rechenzentren schon lange damit. Im Zuge einer Tagung von deutschen und österreichischen Rechenzentrums-Vertretern des öffentlichen Bereichs, die in den Räumlichkeiten des Wiener Bundesrechenzentrums (BRZ) stattfand, hatte die Computerwelt Gelegenheit den Government-Servicedienstleistern auf den Zahn zu fühlen und nachzufragen, inwiefern sie als Experten, die mit "der Cloud" schon lange zu tun haben, diesen Begriff überhaupt noch hören können.

Für Wilfried Jäger vom Bundesrechenzentrum Österreich ist das Thema sehr Supplier-getrieben. Doch er sieht den entscheidenden Einfluss der Entwicklung weniger auf der technologischen Seite. "Der wesentliche Impact wird sein, dass wir wahrscheinlich andere Businessmodelle fahren müssen und unsere Wertschöpfungstiefe als Rechenzentrum hinterfragen müssen", so Jäger gegenüber der Computerwelt. Doch nicht nur auf Seiten der Rechenzentren sind Veränderung und Anpassung gefragt, wie Michael Breest vom LSKN (Landesbetrieb für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen) ergänzt, denn: "Die Hersteller werben seit Jahren mit dem Thema Cloud. Ich würde die Frage umdrehen: Sind sie überhaupt Cloud-fähig? Ihre Geschäftsmodelle und ihre Liefermodelle passen oft nicht. Der ganze Markt will etwas Neues verkaufen. Aber sie sind nicht darauf vorbereitet." Für Breest reduziert sich Cloud auf das Pay-per-Use-Prinzip, das kleine Dienstleister mit begrenztem Markt nicht anbieten können. Hier seien große Anbieter wie Amazon oder Microsoft am Zug.

Ulrich Leonhardt vom DVZ M-V (DVZ Datenverarbeitungszentrum Mecklenburg-Vorpommern) brachte einen weiteren Aspekt aufs Tapet: Security. "Cloud und Sicherheit sind Konfliktworte. Gerade als Dienstleister für die öffentliche Verwaltung muss ich mich fragen, wie weit die Cloud geht", so Leonhardt, und weiter: "Natürlich gibt es auch intern Widerstände. Ich spreche das Thema ‚Ressorthoheit‘ an. Das geht so weit, dass Server oder SANs physisch beansprucht werden, etwa wegen Sicherheitsansprüchen. Da gibt es also auch von Behördenseite erheblichen Widerstand, wo wir als IT-Dienstleister wesentlich offener wären."

Alberto Kohl von der HZD (Hessische Zentrale für Datenverarbeitung) ist ebenfalls skeptisch und setzt schon bei der Begriffsfindung an: "Es ist eine Frage der Definition: Was ist eine Wolke? Es gibt viele Definitionen, die herumgeistern, es gibt auch die Ursprünge die weit zurückgehen auf altes Vokabular wie etwa ASP. Das Thema wird auch oft verwechselt mit Virtualisierung. Das alleine ist es nicht." Kohl bringt es dann weiter auf den Punkt, der in vielen Rechenzentren wohl der entscheidendste ist: die Kosteneffizienz. "Am Ende des Tages muss es sich auszahlen und die Kosten niedrig halten. Die Angebote des Marktes und die Lizenzen passen oft nicht. Solange viele Fragen nicht geklärt sind wird das Thema am mittleren Weg hängen bleiben", so Kohl.

TAGESGESCHÄFT FRISST ZEIT Volker Pfeiffer von der ZDV-Saar (Zentrale Datenverarbeitungsstelle für das Saarland - Landesamt für Zentrale Dienste) sieht auch personelle Probleme – nicht was Kompetenzen, sondern was Kapazitäten betrifft: "Wir sind ein kleines deutsches Bundesland. Bei uns spricht man auch von der Cloud, allerdings ist es so, dass die Datenzentrale personell gar nicht so aufgestellt ist, dass man sich mit solchen Konzepten beschäftigen kann. Wir werden im Regefall 'aufgefressen' durch das Tagesgeschäft. Natürlich machen wir auch Virtualisierung, aber Cloud Computing ist eben mehr als das. Wir haben nicht die Ressourcen um neue Konzepte aufzubauen sondern sind angewiesen auf die Erfahrungen von Datenzentralen im größeren Umfeld. Das ist auch der Grund warum wir uns bei Tagungen wie diesen zusammensetzen." Hier beißt sich gewissermaßen die Katze in den Schwanz: Neue Technologien sollen gerade auch kleineren Mannschaften helfen, mehr Leistung bei geringerem Aufwand zu erbringen. Doch um sie zu Implementieren werden wieder Ressourcen gebraucht, die oft gar nicht vorhanden sind.

KUNDEN NICHT CLOUD-FÄHIG Volker Pfeiffer nimmt außerdem neben den Anbietern auch die Nutzer der angebotenen Services in die Pflicht: "Man fragt oft, ob die Rechenzentren Cloud-fähig sind. Ich würde behaupten, dass ein Großteil unserer Kunden nicht Cloud-fähig ist. Damit meine ich nicht die Endnutzer, sondern jene, die dort die IT vertreten. Viele von ihnen sehen den Dienst, den sie beauftragen, nicht als Service, sondern wollen mitbestimmen wie die Lösung aussieht. Sie denken in Blech und nicht in Services. Die Kunden hätten gerne das Thema Cloud, sind aber oft nicht so weit. Denn wenn es um Cloud geht, geht es um den Service und nicht um die Art der Lösung." Ulrich Leonhardt ergänzt: "Das geht bis zur Gesetzlichkeit. Es gibt Gesetze wonach bestimmte Daten nur auf justizeigener Hardware, das bedeutet auf justizeigenen Festplatten im SAN, betrieben werden dürfen." Was natürlich in vielen Fällen mit dem Cloud-Prinzip nur schwer bis überhaupt nicht unter einen Hut zu bringen ist.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Wolfgang Danzinger, Abteilungsleiter Infrastruktur - Zentrale Services des österreichischen Bundesrechenzentrums, gemacht: "Cloud Computing ist als Begriff gar nicht definiert. Jeder, der darüber redet, spricht ein anderes Thema an. Von Marketing-Abteilungen wird den Kunden 'untergejubelt' es würde alles billiger, deswegen braucht man die Cloud. Wir implementieren gerade zwei Demolösungen. Was dabei auffällt: Jede Abweichung von der standardisierten Lösung hat aufwändige Änderungen zur Folge. Dadurch ist der Einsatz im Government-Bereich fast nicht möglich, weil jeder Kunde hier viel Individualisierung braucht." Danzinger abschließend: "Wenn der Kunde nicht bereit ist zu standardisieren – und das ist der Government-Kunde nicht – wird es in diesem Bereich nicht zur Cloud kommen." (rnf)

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