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22.10.2009 apa/Michaela Holy

Chris Hughes glaubt nicht an Web-2.0-Blase

Chris Hughes sieht keine Gefahr, dass sich der Web-2.0-Hype zu einer ähnlichen Blase entwickelt wie die Dotcom-Bubble 2000.

Auch die Krise werde den meisten Web-2.0-Firmen wohl wenig anhaben können. "Die Kosten für eine Website haben sich sehr verringert", sagte der Mitbegründer von Facebook, Chris Hughes, am 21. Oktober im Gespräch mit der APA in Wien. Europäische Start-Ups hätten es schwerer, so populär wie Facebook zu werden.

Aus der Sicht Hughes, der seit kurzem bei einer Venture-Capital-Firma in Cambridge (Massachusetts) arbeitet, konzentrieren sich junge Web-2.0-Firmen in Europa eher auf eine lokale, spezifische Zielgruppe als US-amerikanische. Das sei zwar für viele User nützlicher, allerdings können Unternehmen dadurch schwer eine angemessene Größe erreichen, um wirklich bekanntzuwerden.

Viele Web-2.0-Unternehmen haben zwar eine riesige User-Basis, können diese aber (noch) nicht zu Geld machen. Beispielsweise hat das soziale Netzwerk Facebook laut Eigenangaben über 300 Millionen User, verdient aber erst seit September 2009 genug, um seine Kosten zu decken. Dennoch hatte Microsoft im Herbst 2007 rund 240 Millionen Dollar für 1,6 Prozent Facebook-Vorzugsaktien auf den Tisch geblättert. Das hätte einem Gesamtwert von 15 Mrd. Dollar entsprochen. Diesen Sommer wurde Facebook durch den Einstieg des russischen Internetkonzerns Digital Sky Technologies (DST) mit nur mehr 6,5 Milliarden Dollar bewertet. DST hatte im Mai und Juli für einen insgesamt 3,5-prozentigen Anteil 300 Millionen Dollar in Facebook gesteckt. Anfang Oktober wurde dann bekannt, dass DST um weitere 100 Millionen Euro aufstocken will.

Wie Web-2.0-Unternehmen langfristig profitabel sein können, kann laut Huhges nicht eindeutig beantwortet werden. Einige würden es mit Abonnements versuchen, andere mit Werbung oder mit Service-Gebühren.

Facebook mache sein Geld durch Werbung. "Das Ziel ist, Beziehungen zwischen den Vermarktern, Menschen und Marken zu schaffen", so der 25-jährige Harvard-Absolvent. Dass personalisierte Werbung User vertreiben könnte, glaubt er nicht. Wenn ein Nutzer über einen neuen Kinofilm informiert wird und diese Information mit seinen Online-Freunden teilen kann, hätten beide Seiten, User und Werber, etwas davon.

Erst vor einem Monat musste Facebook sein umstrittenes Werbeprogramm "Beacon" im Zuge einer außergerichtlichen Einigung abschalten. "Beacon", das Online-Freunde automatisch über Einkäufe bei Facebook-Werbepartnern informierte, löste massive User-Proteste aus.

Ob Facebook einen Börsengang plant? "Eines Tages wahrscheinlich ja", so Hughes. Jetzt werde die Plattform aber das Kapital von DST nutzen, um die Infrastruktur zu verbessern und Personal aufzustocken. "Viele Leute vergessen, dass Facebook nach wie vor eine relativ kleine Firma ist", so Hughes. Das Unternehmen beschäftige etwa 1.000 Mitarbeiter. "Da gibt es viel zu investieren."

Hughes wurde von Mobilkom Austria zum "mobile.futuretalk 09" geladen, wo er über die Revolution von sozialen Online-Netzwerken sprach. Diese hätten die Art, wie Information geschaffen und verteilt wird, revolutioniert, so Hughes. Facebook und Co. machten die Welt transparenter und begreiflicher, wodurch wiederum bessere Entscheidungen getroffen werden könnten. Ganz anders sieht das die britische Hirnforscherin Susan Greenfield. Ihrer Meinung kann das Internet seine User rücksichts- und empathieloser machen, insbesondere Kinder.

"Facebook ist ein Ort, wo man mit seinen Freunden in Kontakt bleibt", erklärte der 25-jährige Harvard-Absolvent Hughes die Faszination Facebook. Während das Kreieren von Informationen vor wenigen Jahren noch einer kleinen Gruppe an Personen, etwa Autoren und Medienmachern, vorbehalten gewesen sei, könne dies in sozialen Netzwerken jeder tun. "Jeder hat ein Megafon", so Hughes. Über Facebook können Kunden auf Firmen Druck ausüben. Als Beispiel nannte Hughes eine von ihm ungeliebte US-Airline, über die er sich im Netz oft beschwert habe. Die "Weisheit der Massen" könnten aber auch Unternehmen nutzen. Würde die betreffende Airline einen Blicks ins Web werfen und sich die Kundenbeschwerden durchlesen, könne sie erkennen, dass sie ein Problem habe. "Firmen und Organisationen haben jetzt die Chance, den Leuten zuzuhören", so Hughes.

Das Zuhören sei auch ein zentraler Aspekt der Online-Wahlkampagne für US-Präsident Barack Obama gewesen, die Hughes geleitet hat. Die Netzwerk-Technologie habe es ermöglicht, Millionen von Personen eine Stimme zu verleihen. "Wir haben die Infrastruktur gemacht, gehandelt haben die Menschen selbst", so Hughes. Insgesamt hätten die Online-Obama-Fans 200.000 Events ins Leben gerufen - im echten Leben. Auf My.BarackObama.com registrierten sich mehr als zwei Millionen Menschen, hinzu kamen tausende YouTube-Videos, die Anhänger ins Netz stellten. "Die Leute sollen ihre Geschichten ungefiltert erzählen dürfen", sagte Hughes. Insgesamt konnten er und sein Team über das Internet eine halbe Milliarde Dollar an Wahlspenden sammeln. Der durchschnittliche Betrag lag bei nur 80 Euro. Jene Leute, die gespendet haben, hätten sich in der Folge noch stärker politisch engagiert.

Ein ganz anderes Szenario puncto Technologie malte Oxford-Professorin und Bestseller-Autorin Greenfield. Sie vertritt die These, dass Computertechnologien das menschliche Bewusstsein massiv verändern können und das Gehirn infantilisieren können. Computerspiele verkürzten die Aufmerksamkeitsspannen bei Kindern, da auf dem Bildschirm ständig neue Bilder aufflackerten. In Großbritannien sei in den vergangenen Jahren signifikant öfter Ritalin - ein Mittel gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) - verschrieben worden.

Personen, die zu viel Zeit in Cyberwelten verbringen, lebten nur für den "Thrill of the Moment", für das Hier und Jetzt. Durch Computerspiele könne der Sinn für Metaphern und abstrakte Konzepte verloren gehen. Die Psyche der Zukunft ähnle womöglich mehr einer kindlichen als einer erwachsenen. Die ständige Simulation am Monitor erfordere schnelle Reaktionen, wodurch sich etwa Computerspieler in einem ständigen Erregungszustand befänden und mehr Dopamin ("Glückshormon") ausschütteten. Andere Fähigkeiten wie Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen seien dagegen in Cyberwelten seltener gefordert. Dadurch verkümmere möglicherweise der präfrontale Kortex - das ist jenes Hirnareal, in dem Fantasie und Empathie angesiedelt sind. Die Folge könnte eine gesteigerte Risikofreude, Gier und Rücksichtslosigkeit sein.

Greenfield selbst hat, im Gegensatz zu Hughes, der sich selbst als "Nerd durch und durch" bezeichnete, nicht das Bedürfnis, sich mit ihren Freunden auf Facebook zu vernetzen, sagte sie auf Nachfrage von Moderatorin Sandra Maischberger. Für Mobilkom-Boss Hannes Ametsreiter ist Facebook "wie Golf, dafür muss man Zeit haben." Er ist lediglich Mitglied beim Business-Netzwerk LinkedIn und liest gelegentlich Spezialblogs, wie er zur APA sagte.

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