Interview: Kollektive Emotionen im und um das Web von morgen Detail - Computerwelt

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20.02.2009 Marion Fugléwicz-Bren*

Interview: Kollektive Emotionen im und um das Web von morgen

Marion Fugléwicz-Bren hat für die Computerwelt Andreas Blumauer und Tassilo Pellegrini (Semantic Web Company) auf den Zahn gefühlt.

Nicht nur scheint sich ein neuartiger Freundschaftsbegriff seinen Weg durch das Netz zu bahnen; das gesamte emotionale Klima in unserer Gesellschaft könnte durch kollektive Emotionen in Online-Communities beeinflusst werden. Marion Fugléwicz-Bren hat für die Computerwelt Andreas Blumauer und Tassilo Pellegrini (Bild; Semantic Web Company) auf den Zahn gefühlt.

Computerwelt: Welchen Wert hat Freundschaft in Zeiten wie diesen, in denen das Eliminieren von Online-Freundschaften und sozialen Kontakten mit Burgern belohnt wird[1]? Steht die (semantisch höchst problematische) Bezeichnung “Freundschaft” für einen beruflichen Kontakt auch für eine inhaltliche “Umwertung aller Werte”? Andreas Blumauer: Auch der Begriff Freundschaft hat sich offensichtlich ausdifferenziert: Online-Freundschaften sind sicherlich anders zu bewerten als „physisch“ fundierte. Nicht umsonst haben Menschen gelernt, verschiedene Kanäle zu nutzen, um „vertrauensvoll“ und „nicht vertrauensvoll“ unterscheiden zu können, die nun im Netz nicht mehr verwendet werden können. Dafür ist aber eine andere „Währung“ in Kraft getreten, nämlich die „Authority“, also die Anzahl der Kontakte, die auf eine Person verweisen – also eine spezielle Form des Hyperlinks. Tassilo Pellegrini: Es darf nicht verwundern, dass in Zeiten der zunehmenden Medialisierung des Privaten auch der Freundschaftsbegriff einen Wandel erfährt, das heisst, um die sehr spezielle Form der Online-Kontaktpflege mittels spezialisierter Tools und Services erweitert wird. Das ist grundsätzlich nichts Neues, zumal das Internet immer ein sozialer Ort war, der die Vernetzung zwischen Menschen ermöglicht hat. Community-Plattformen haben im Wesentlichen bloß bewirkt, dass das Phänomen der Online-Kontaktpflege nun auch technisch nicht versierten Personen zugänglich gemacht wurde. Inwieweit dieses Phänomen auf kulturelle und private Werte durchschlägt, ist pauschal nicht zu beantworten. Grundsätzlich gilt jedoch : Phänomenen wie facebook oder studiVZ sind Ausdruck der Kommerzialisierung sozialer Netzwerke. Die Daten, welche die User auf solchen Plattformen hinterlassen, stellen in aggregierter Form einen wichtigen ökonomischen Wert dar, welcher etwa über kontextualisierte Werbeschaltungen oder den Verkauf dieser Daten an Dritte kapitalisiert wird. Je präziser diese Daten, umso höher ist auch ihr ökonomischer Nutzen. Jedoch das inflationäre Sammeln von Kontakten reduziert die Qualität der Daten, weshalb es nur verständlich ist, dass Plattformbetreiber gemeinsam mit ihren Kooperationspartnern nach Wegen suchen, die Nutzer dazu anzuhalten, die Qualität der Daten hochzuhalten.

Ein Phänomen, das mit “Collective Cyber-Emotions” bezeichnet wird, hat die EU bewogen, 420.000 Euro in ein Forschungsprojekt zu investieren, das sich interdisziplinär mit kollektiven Verhaltensweisen von Online-Nutzern und deren Auswirkungen auf unsere Gesellschaft beschäftigt[2]. Wie tiefgreifend müssen die Veränderungen durch die Zukunft des Internet bereits sein, wenn solche Projekte ins Leben gerufen werden? Konkret: Wie wird das Medium Internet und die vielen Möglichkeiten, die es in Zukunft noch bieten wird, unser aller Leben – nicht nur beruflich, sondern auch privat – verändern? Andreas Blumauer: Ich hoffe, offen gestanden, dass das Internet nicht allzu allgegenwärtig wird. Schon jetzt zeichnen sich ja leider auch unangemessene Anwendungen im Rahmen des „SensorWebs“ ab, auf die ich gerne verzichten möchte, ein Beispiel wäre dafür das eben vorgestellte N.E.S.T Projekt der Fraunhofer Gesellschaft. Für solche Technologien fehlen einfach noch die dazugehörigen Gesetze und Reflexionsebenen, für Missbrauch steht die Tür weit offen. Auf der anderen Seite beginnt jetzt erst langsam das Semantic Web, das ja auch die Grundlage für ein SensorWeb bildet, seine Wirkung zu entfalten: Das heisst, Hyperlinks und generell alle Relationen im Web werden zukünftig besser interpretierbar. „Freundschaft“ als Form der Relation zwischen zwei Menschen kann dann auch differenzierter repräsentiert werden: Das System unterscheidet dann vielleicht zwischen „Bekanntschaft“, vielleicht auch „Feind“ und „intimer Freund“ und kann deswegen auf Anwendungsebene unterschiedliche Dienste zur Verfügung stellen, was vor allem dann akzeptiert wird, wenn auch Privacy-Themen berücksichtigt sind. Tassilo Pellegrini: Das transformative Potential digitaler Kommunikationstechnologien ist enorm und schlägt mittlerweile in fast alle Lebensbereiche durch. Man denke etwa an den Boom der Mobilkommunikation oder das große Thema der Ambient Intelligence, wo mittels Sensordaten die Umwelt dynamisch auf das Verhalten eines Menschen reagiert. Forschungsprojekte, die sich mit diesen Themen beschäftigen, sind meist noch Grundlagenforschung, wo es weniger um die Frage geht, was sich verändert, sondern ob es überhaupt eine wissenschaftlich feststellbare Veränderung gibt und wie man darauf gegebenenfalls (politisch) reagieren muss. In den kommenden Jahren wird vor allem das sogenannte „Internet der Dinge“ den Alltag beeinflussen. So werden zum Beispiel Haushaltsgeräte mittels einer Internetschnittstelle ansteuerbar sein - die Maschinen werden das Internet nutzen um etwa eigenständig Daten über Stromverbrauch, Fehlfunktionen, Wartungszyklen oder Missbrauch zu melden. Die Frage ist jetzt nur, an wen werden diese Daten gemeldet: bloß an Sie persönlich, oder etwa auch an Ihren Stromzulieferer, an den Gerätehersteller, an die Hausverwaltung oder gar an eine Ihnen nicht bekannte Kontrollbehörde? Dass hier Themen wie Datenschutz, Wettbewerb (Lock In Effekte) und Eigentumsrechte (Digital Rights Management) schlagend werden, ist offensichtlich.

Werden nachfolgende Generationen, die mit all diesen Online-Entwicklungen aufwachsen werden, sozial und emotionell intelligenter sein oder werden sie diesbezüglich Mangelerscheinungen haben? Andreas Blumauer: Sie werden vor allem globaler und vernetzter handeln. Sie werden in Zusammenhängen denken, aber natürlich wird es auch Gegenbewegungen geben. Ich sehe das Ende des Schrebergartendenkens heraufdämmern, was aber nicht heißt, dass damit das Ende des Schrebergartens selbst kommen wird. Tassilo Pellegrini: Diese Frage ist so alt wie die Menschheit selbst. Der Generationenwandel findet permanent statt. Wodurch er hervorgerufen wird, ist erstmal zweitrangig. Tatsache ist, dass in postindustriellen Kulturkreisen das Beherrschen von Technik zu einer Schlüsselqualifikation im beruflichen und privaten Kontext wird. Ob und welche Mangelerscheinungen damit verbunden sind, kann nur theoretisch beantwortet werden, zumal Menschen als Erfahrungswesen große Schwierigkeiten haben, von früheren Generationen zu lernen. Es geht hier also nicht um die Frage, ob etwas besser oder schlechter wird, sondern um die Frage, welche Optionen und Strategien existieren, um Fehlentwicklungen zu vermeiden, ohne das Neue und seine unausgeloteten Potentiale vorauseilend zu zensurieren.

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