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11.03.2009 Rudolf N. Felser

Politisierte Frauenförderung

Fünf große IKT-Unternehmen haben einen Kodex für die vorbildliche Praxis der Frauenförderung unterzeichnet.

In Zeiten der Finanzkrise erweisen sich Arbeitsplätze im Bereich der IKT als Wachstumsquelle und Stütze für die Erholung der Wirtschaft. Die Wettbewerbsfähigkeit der EU wird jedoch davon abhängen, in welchem Maße es gelingt, qualifizierte Arbeitskräfte, darunter auch Frauen, vor allem in die High-Tech-Branche zu ziehen und dort zu halten. In der EU werden der Europäischen Kommission zufolge 2010 voraussichtlich 300.000 Techniker und Ingenieure fehlen – aber nicht einmal jeder fünfte Informatiker ist eine Frau.

2007 wurde die Europäische Kommission aktiv und ermunterte Telekom- und Internet-Unternehmen, mehr computerinteressierte Frauen für IKT-Berufe zu gewinnen. Jetzt haben fünf große IKT-Unternehmen einen Kodex für die vorbildliche Praxis der Frauenförderung in den IKT unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, mehr zu unternehmen, um Technikberufe für Frauen attraktiver zu machen, das weibliche Potenzial im IKT-Sektor besser zu nutzen und seine Entfaltung zu fördern.

"Die Unterzeichnung dieses Kodex ist ein erster Schritt, um High-Tech-Berufe für Mädchen interessanter zu machen und mehr Frauen in den IKT-Sektor zu bringen", sagte die für die Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding. "Aber der IKT-Sektor hat gerade erst begonnen, sich der Dimension des Problems bewusst zu werden und zu verstehen, wie wichtig es ist, Frauen zu gewinnen, um die bestehenden Kompetenzlücken in Europa zu schließen. Im IKT-Bereich fehlen in Belgien gegenwärtig 10.100 Informatiker, in Polen 18.300, in Italien 2.800, in Frankreich 4.300, in Spanien 41.800 und in Deutschland sogar 87.800! Ich rufe daher alle anderen IKT-Unternehmen auf, dem Beispiel zu folgen und den Kodex für Frauen in den IKT bis zum Ende dieses Jahres zu unterzeichnen."

Fünf europäische und internationale Unternehmen unterschrieben den Kodex: Alcatel-Lucent, IMEC, Orange-France Telecom Group, Microsoft und Motorola. Der Kodex ist das Ergebnis einer Branchendiskussion, die Reding am internationalen Frauentag 2008 in Gang gebracht hatte. Er soll dazu beitragen, den High-Tech-Sektor für die Mädchen in der Schule und für junge Frauen an den Hochschulen interessanter zu machen, aber auch die bereits in der Branche tätigen Frauen zu fördern und im Beruf zu halten.

Der Kodex sieht unter anderem die Einrichtung von Girls Labs oder Computerclubs für Mädchen vor, in denen sie mehr Selbstvertrauen beim Umgang mit der Informatik erlangen sollen. IMEC, Motorola, Orange und Microsoft haben bereits solche Girls Labs, Technikclubs oder veranstalten Sommercamps. Darüber hinaus werden Betreuungsprogramme für junge Mütter angeregt, damit Frauen während des Elternurlaubs den Anschluss an neueste Technologieentwicklungen nicht verlieren.

Auch die weiteren Anregungen kommen aus der Praxis der einzelnen Unternehmen. IMEC beispielsweise ermöglicht bereits flexible Arbeitszeiten und Heimarbeit. Alcatel-Lucent fördert besonders talentierte Frauen im Beruf und ermöglicht ihnen Blitzkarrieren. Auch Microsoft und Motorola haben funktionierende Programme für weibliche Führungskräfte.

Auch Zielvorgaben für die Einstellung und Beförderung von IKT-Spezialistinnen auf allen Ebenen und Überwachung der Zielerfüllung werden angestrebt. Unterzeichner Orange fördert zum Beispiel die Einstellung von Frauen, indem das Verfahren solange offen bleibt, bis sich mindestens eine Frau beworben hat.

Die Europäische Kommission will die Umsetzung dieses Kodex genau beobachten und nach einem Jahr eine erste Bewertung vornehmen. "Diese gute Praxis muss durch feste Ziele ergänzt werden. Eine praktische Möglichkeit dafür ist die Erhöhung der Zahl der Frauen in den Vorständen der IKT-Unternehmen", meint Kommissarin Reding. "Nur sieben Prozent der Vorstandsmitglieder der 116 größten IKT-Unternehmen sind derzeit Frauen. Deshalb sollten wir uns das Ziel setzen, diese Zahl bis 2015 zu verdoppeln."

Um auf das weibliche Potenzial in den IKT aufmerksam zu machen, startete Reding 2007 auch die "Schatten-Initiative", die inzwischen jährlich organisiert wird. An einem solchen Tag begleiten junge Mädchen eine im IKT-Bereich erfolgreiche Frau »wie ein Schatten«. Auch in Österreich verfolgen zahlreiche Veranstaltungen und Initiativen bereits länger dieses Ziel.

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