Gastkommentar: Digitale Dividende – Die Mobilfunkbranche lügt sich in den Sack Detail - Computerwelt

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08.04.2009 Michael Wagenhofer*

Gastkommentar: Digitale Dividende – Die Mobilfunkbranche lügt sich in den Sack

Gastkommentar von Michael Wagenhofer, Geschäftsführer der Österreichischen Rundfunksender GmbH & Co KG ORS.

Es ist an der Zeit, einige Dinge grundsätzlich klar zu stellen, die im Zuge der Diskussion rund um die so genannte Digitale Dividende von Seiten der Mobilfunkbranche in die Diskussion gebracht werden. Richtig ist: Durch die Digitalisierung des Rundfunks werden bis 2015 ursprünglich durch das analoge Fernsehen belegte Frequenzen frei. Auf diese freiwerdenden Frequenzen werden nun gleichermaßen vom digitalen Rundfunk für die Weiterentwicklung seiner Services als auch von der Mobilfunkbranche zum Ausbau von Breitbandinternet Ansprüche gestellt. Einigkeit scheint nur darin zu bestehen, dass es einer politischen Entscheidung zur Lösung dieses Konfliktes bedarf.

Die Begehrlichkeiten der Mobilfunker überraschen zwar nicht, wurden doch alle Investitionen in das Rundfunk-Sendernetz in Millionenhöhe von der Rundfunkbranche getragen. Die Mobilfunkindustrie hat dazu keinen Beitrag geleistet. Die Mobilfunker erwarten sich folgerichtig auch in erster Linie einen kostengünstigen Ausbau bei mobilen Breitbandlösungen der nächsten Generation durch die Nutzung der Rundfunkfrequenzen. Dass diese Forderungen einen existenzgefährdenden Angriff auf die Zukunft und die Weiterentwicklung des digitalen Fernsehens in Österreich bedeuten, kümmert die Mobilfunkbranche wenig. Denn es ist ein Faktum, dass diese Zukunft mit High Definition TV (HDTV), DVB-T 2.0 und nicht zuletzt DVB-H für das Fernsehen am Handy ohne die Nutzung der freiwerdenden Rundfunkfrequenzen nicht stattfinden wird.

LAHME ENTE BREITBAND Doch auf der anderen Seite lügen sich die Mobilfunker mit ihren Forderungen in den Sack. Ist es Unwissen, ist es Ignoranz? Eine Forderung der Europäischen Union an seine Mitgliedsländer ist die flächendeckende Versorgung ländlicher Gebiete mit schnellem mobilem Breitband. Dabei wird an eine Übertragungsrate von 50 Mbit/s bis 2018 gedacht. Ein zentrales Argument dabei ist das Schließen der Kluft in der Versorgung zwischen Stadt und Land.

Doch die Versorgung über die freiwerdenden Rundfunkfrequenzen im oberen Bereich des UHF-Spektrums auf den Kanälen 60 bis 69 (790 bis 862 MHz) kann auch bei Verwendung der modernsten Technologien wie Long Term Evolution (LTE) keine höheren Übertragungsraten als 2 Mbit/s erreichen. Für eine maximale Datenrate von 6 Mbit/s wäre eine weitere signifikante Erhöhung der verfügbaren UHF-Bandbreite erforderlich, die aber nicht in Sicht ist. In diesem Spektrum ist die Erreichung einer Übertragungsrate von auch nur annähernd 50 Mbit/s also unmöglich.

Weiß das die Mobilfunkbranche nicht? Was will sie ihren Kunden verkaufen? So würde sich die Kluft zwischen Stadt und Land immer weiter erhöhen, anstatt sich zu verringern. Mit alternativen Technologien über Kupferkabel (VDSL) ist es in Österreich möglich, ländliche Gebiete in wesentlich kürzerer Zeit und lange vor 2018 zu 97 % mit hohen Übertragungsraten (bis zu 50 Mbit/s) flächendeckend zu versorgen. Die Rundfunkfrequenzen können den in Österreich längst fälligen Ausbau des Glasfasernetzes (das eine Übertragungsrate bis 100 Mbit/s ermöglicht) keinesfalls ersetzen. Selbst eine Aufspaltung der Frequenzressourcen würde nur zu einer eingeschränkten Nutzbarkeit führen, sowohl für das drahtlose Breitband- als auch für das Rundfunknetz, und damit einen klaren Standortnachteil für Österreich bedeuten.

Die oft als Vorbildländer ins Treffen geführten Länder Großbritannien und Frankreich zeigen in Wahrheit deutlich, dass der Aufbau eines nicht wettbewerbsfähigen Netzes den Aufbau eines weiteren wettbewerbsfähigen Netzes erfordert, da sonst der Wirtschaftsstandort in seiner Attraktivität zurückfällt. Das kommt aber einer Verschwendung öffentlicher Ressourcen gleich.

Den Verantwortlichen in der Rundfunkbranche erscheinen die Forderungen der Mobilfunker jedenfalls als extreme Kurzsichtigkeit. Es kann nicht angehen, dass dem digitalen Rundfunk, der mit den strittigen Frequenzen modernste Hochtechnologie bereitstellen kann, seine Existenz und Zukunft leichtfertig gefährdet wird, damit andere eine lahme Breitband-Ente auf den Markt bringen können, die den Technologie-Ansprüchen der ländlichen Bevölkerung nur Spott und Hohn bedeuten kann.

*Der Autor ist Geschäftsführer der Österreichischen Rundfunksender GmbH & Co KG (ORS).

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