Neuerfindung eines Traditionsunternehmens Neuerfindung eines Traditionsunternehmens - Computerwelt

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19.10.2012 :: Printausgabe 21/2012 :: Wolfgang Franz +Premium Content

Neuerfindung eines Traditionsunternehmens

Xerox häutet sich: Aus dem klassischen Printer- und Kopierer-Anbieter wird mit schnellen Schritten ein Unternehmen für Business Process Outsourcing: Bereits 50 Prozent des Umsatzes gehen auf das Konto von Services, die in Grenoble vorgestellt wurden.






Marken gehen oft abenteuerliche Wege, um ihre Position zu halten bzw. auszubauen. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass Apple jemals eine führende Rolle im Handy-Markt spielen würde. Jetzt ist Xerox inmitten einer Transformation. Das Geschäft in den Traditionsbereichen Drucker und Kopierer wächst nur langsam, man will nun ein saftiges Stück von jenem Kuchen für sich beanspruchen, der von Tag zu Tag an Größe gewinnt. War der Service-Markt vor drei Jahren verlockende 132 Milliarden schwer, sind es heute lange Zähne machende 550 Milliarden.

Der Shift vom reinen Technologie-Anbieter zum Service-Spezialisten mit der Lizenz zum Drucken und Kopieren ist nicht der einfachste. Einer vor Jahrzehnten eingeführten Marke ein neues Image zu verpassen, fällt schwer genug. Verschärfend kommt hinzu, dass das Service-Geschäft auf Top-Level eines ist, das man nicht gerne an die große Glocke hängt, "es passiert meist hinter den Kulissen", sagte Christa Carone, Chief Marketing Officer bei Xerox, bei einer Veranstaltung in Grenoble Anfang Oktober. Das trifft vor allem auf jene Projekte zu, die im Fokus von Xerox stehen: große Outsourcing-Verträge mit Konzernen oder Vertretern staatlicher Organisationen. Für die Marke im Bewusstsein der Öffentlichkeit bedeutet das: Die Transformation vom Technologieanbieter zum Service-Spezialisten wird wohl noch einige Jahre dauern.  

Inhaltlich geht es um einiges schneller: Dass Xerox heute bereits mehr als 50 Prozent des Umsatzes mit Services macht  – 2009 waren es noch 25 Prozent –, liegt vor allem an der 6,5 Milliarden-Akqusition ACS vor drei Jahren. Das auf Services spezialisierte Unternehmen, das fast ausschließlich auf dem US-Markt tätig war, gab Xerox mit einem Schlag ein umfassendes Portfolio an die Hand, das man in den über 160 Ländern, in denen der einstige reine Technologieanbieter tätig ist, vortrefflich vermarkten kann. Ein weiteres Indiz dafür, dass Xerox den Wandel zum Business-Service-Provider schnell schaffen kann, ist die Innovationskraft des Unternehmens, dessen Motoren unter anderem im französischen Grenoble schnurren. Unter der Leitung von Monica Beltrametti, Vice President des Xerox Research Centre Europe (XRCE), haben sich hier Wissenschafter aus den unterschiedlichsten Disziplinen – darunter Computerspezialisten, Linguisten, Psychologen und Anthropologen –, mit dem Ziel versammelt, dem Service-Geschäft den Boden zu bereiten. Um ein Gefühl von der Innovationskraft zu bekommen: Der Xerox-Konzern brachte in den letzten drei Jahren über 100 Produkte und Services auf den Markt. Außerdem hält er 55.000 weltweite Patente bzw. beantragt 30 US-Patente pro Woche. Die hohe Schlagzahl kommt nicht von ungefähr: Vier Prozent des Umsatzes gehen direkt in R&D.   Der Forschungsstandort Grenoble ist auch ein Ort, zu dem pro Jahr rund 1.000 Kunden pilgern, um an den sogenannten "Dreaming Sessions" teilzunehmen. Das heißt, der Kunde kommuniziert seine Visionen, Xerox sagt, was technisch möglich ist. Was derzeit machbar ist und was weit in die Zukunft blicken lässt, hat sich die COMPUTERWELT vor Ort angesehen.

PARKSENSOREN
Bereits im Einsatz sind Systeme, die kommunale Verwaltungen mit Analytics-Systemen unterstützen, den öffentlichen oder privaten Verkehr zu steuern. Beispiel Los Angeles: Das Xerox Merge Parking Management System bestimmt die Preise für die Straßenparkplätze dynamisch auf Basis von Angebot und Nachfrage. Dazu wurden in den Straßen Sensoren eingebaut, die genau zeigen, wie die freien Flächen genutzt werden – eine Lösung für Wien, das derzeit unter den Lenkungseffekten des legendären Parkpickerls in den Außenbezirken stöhnt? Das Beispiel öffentlicher Verkehr in Nancy ist ein typischer Fall dafür, dass zwar Millionen von unschätzbaren Datensätzen vorliegen, diese aber aus Ermangelung an Lösungen ungenutzt bleiben. Xerox hilft der Stadt, die Aktivitäten der Fahrgäste zu analysieren und diese mit anderen Faktoren wie Wetterdaten zu einem Modell kombinieren, das den Anforderungen des zahlenden Volkes besser als bisher entgegenkommt.

Eine bereits ausgereifte Lösung, die in Sachen Haptik an Microsofts ursprüngliche Surface-Oberfläche erinnert, ist das sogenannte Smart Document Review-System. Es ist dazu da, eine Bresche in die Datenflut zu schlagen, und eine Möglichkeit, Ordnung ins Dokumentenchaos zu bringen. Ein typischer Anwendungsbereich sind Gerichtsverfahren. Auf der Suche nach der "smoking gun" müssen nicht selten Millionen von Dokumenten durchsucht werden. Die Xerox-Lösung hilft, ähnliche Dokumente zu gruppieren. Dabei kann das System so geschult werden, dass die Suche desto schneller von der Hand geht, je länger sie dauert. Die Haptik der Lösung ähnelt dem Handling von analogen Dokumenten.

Die Präsentationen in Grenoble haben auch gezeigt, wo die aktuellen technischen Grenzen liegen. Xerox-Forscher entwickeln gerade ein System, das unter Millionen von digitalen Bildern professionelle von Hobby-Aufnahmen unterscheiden soll. Die Ergebnisse sind zwar gut genug, eine  grobe Ordnung in das Bilderchaos zu bringen, verlässlich sind sie nicht. Ähnliches gilt für die automatisierte Analyse von natürlicher Sprache, wie es etwa bei Big Data im Zusammenhang mit Social Media ein Thema ist. "Textsorten wie Blogs sind sehr schwer zu analysieren, keine Frage", sagt Caroline Hagège, Senior Scientist der Parsing und Semantics Group bei XRCE, im Interview mit der COMPUTERWELT. "Wir arbeiten mit statistischen und linguistischen Verfahren. Was wir den Kunden sagen, ist, wie hoch die Verlässlichkeit der Ergebnisse ist. Sind 100 Prozent gewünscht, können wir zusätzlich Methoden der manuellen Verifikation zur Verfügung stellen." Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis man die seit eh und je propagierte künstliche Intelligenz eigenständig arbeiten lassen kann. (su)

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