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15.02.2013 Martin Bayer*/AW

Steckt Oracle im Fusion-Dilemma?

Das Interesse der Oracle-Anwender an den neuen Fusion-Applikationen ist gering, so das Ergebnis eines Forrester-Reports. Die meisten hielten an ihren bestehenden Business-Anwendungen fest. Oracle kritisierte den Bericht als spekulativ und falsch.

Über die Hälfte der befragten Anwender kritisiert Oracles Applikationsstrategie als unklar und die Fusion-Applications als nicht reif genug.

Über die Hälfte der befragten Anwender kritisiert Oracles Applikationsstrategie als unklar und die Fusion-Applications als nicht reif genug.

© Oracle

Oracle steckt in einem strategischen Dilemma", lautet das Fazit der Analysten von Forrester Research, die sich mit der Applikationsstrategie des amerikanischen Softwarekonzerns näher beschäftigt haben. In den vergangenen Jahren hat Oracle viel Zeit und Geld in die Entwicklung einer komplett neuen Anwendungsgeneration "Fusion" gesteckt. Grundlage dafür bildeten zahlreiche Akquisitionen, für die Gründer und CEO Lawrence Ellison an die 40 Milliarden Dollar lockergemacht hat. Aus den zugekauften Softwareprodukten sollten die besten Funktionen extrahiert und in einer neuen Produktsuite zusammengefasst werden.

Gleichzeitig versprachen die Oracle-Verantwortlichen den Nutzern der zugekauften Softwareprodukte, diese auf unbegrenzte Zeit weiterzuentwickeln und zu pflegen. Diese "Applications Unlimited Policy" sollte dafür sorgen, dass keine Verunsicherung aufkommt und die Kunden an Bord bleiben.

Doch diese Strategie erweist sich nun als Bumerang. Das Interesse der Kunden an den Fusion-Applikationen ist gering, hat eine Umfrage von Forrester Research unter knapp 140 Anwenderunternehmen ergeben. Zwei von drei Befragten gaben an, derzeit keine Pläne in Richtung Fusion zu verfolgen. Ein weiteres Viertel sagte, man wisse noch nicht, wie die weitere ERP-Strategie aussehe.

Die meisten Firmen wollen einfach an ihren bestehenden Anwendungen festhalten. Knapp zwei Drittel der IT-Verantwortlichen antworteten auf die Frage nach ihren Zukunftsplänen, auf das nächste Release der gegenwärtig eingesetzten Applikation wechseln zu wollen. 25 Prozent wollen bei ihrem jetzigen Release bleiben und stellen dabei Kostenerwägungen in den Vordergrund. Weitere Investitionen sollen begrenzt werden.

Kein Anreiz für Fusion
Bei Oracle dürfte man das mit einem lachenden und einem weinenden Auge sehen. So sind die Kunden meist zufrieden mit ihren Lösungen. Zwei Drittel der Befragten gaben an, diese liefen stabil und zuverlässig.

Einen Grund zum Wechsel sehen sie nicht. So kommt es, dass Oracle derzeit nur 400 Fusion-Anwender zählt. Das sind gerade 0,6 Prozent seiner rund 65.000 Applikationskunden. Der Konzern steckt in der Zwickmühle. Mit dem Versprechen des unbegrenzten Supports der zugekauften Softwareprodukte ist es Oracle zwar gelungen, die Kunden zu halten und so die wichtigen Wartungseinnahmen zu sichern. Gleichzeitig erfordert die Pflege der unterschiedlichen Anwendungen Entwicklungsressourcen und blockiert den Wechsel auf Fusion.

Oracle wird sich etwas einfallen lassen müssen, zumal die Wachstumsraten in seinem Applikationsgeschäft in den zurückliegenden Quartalen überschaubar blieben und meist unter denen des Erzrivalen SAP lagen. Wichtiger Wachstumspfeiler waren auch zuletzt wieder Übernahmen wie die der SaaS-Anbieter Rightnow und Taleo. Allerdings kann es sich Oracle auch nicht leisten, seine Kunden zum Umstieg zu drängen und damit zu verärgern. Das gefährdet das Wartungsgeschäft und erhöht das Risiko, dass sich die Anwender - sollte ein Wechsel anstehen - bei Konkurrenten umsehen.

Die Oracle-Verantwortlichen haben in ungewöhnlich scharfer Weise auf den Forrester-Report reagiert. Die Aussagen seien spekulativ und basierten auf falschen Vorstellungen und Hypothesen, hieß es in einer Antwort des Softwarekonzerns. Fälschlicherweise vermittle die Analyse den Eindruck, die Anwender müssten sich zwischen ihren bestehenden Applikationen und der neuen Fusion-Familie entscheiden. Das sei jedoch ein Irrtum. Vielmehr verfolge Oracle den Ansatz einer Koexistenz von bestehenden Applikationen und flankierenden Fusion-Modulen. Anwender könnten also ihre E-Business-Suite beziehungsweise Peoplesoft weiter einsetzen, diese Anwendungen allerdings mit Fusion-Bausteinen funktional ergänzen. Dieser Ansatz komme in dem Bericht viel zu kurz, kritisieren die Oracle-Verantwortlichen.

Diese Adaptions-Strategie erlaube den Kunden, sich allmählich an Fusion heranzutasten und dabei das Tempo selbst zu bestimmen. Man habe nie eine Kunden dazu gedrängt, seine unter dem Applications-Unlimited-Programm stehenden Anwendungen gegen Fusion-Produkte auszutauschen, stellt der Konzern klar. "Unsere Strategie ist eindeutig. Wir stecken in keinem Dilemma."

Forrester Research halte an den Aussagen in seinem Report fest, hieß es indes von Seiten des Analystenhauses. Experten äußerten sich indes verwundert über Oracles Reaktion. Normalerweise kommentiere der Konzern derartige Kritik oder Diskussionen kaum. Der Konter könnte ein Zeichen dafür sein, wie empfindlich und sensibel das Oracle-Management auf Kritik an seiner Fusion-Strategie reagiert. Auch Firmen-Chef Ellison hatte jüngst heftig SaaS-Konkurrenten wie Workday attackiert. Marktbeobachter werteten diese Angriffe als Beleg dafür, dass der Softwarehersteller in den kleineren agileren Cloud-Anbietern durchaus eine Gefahr für sein eigenes Geschäft sieht.

* Martin Bayer ist Redakteur der Computerwoche.

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