Thomas Thurner, SWC: "Open Data ist ein Prozess der Gewinner" Detail - Computerwelt

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07.06.2011 Marion Fugléwicz-Bren

Thomas Thurner, SWC: "Open Data ist ein Prozess der Gewinner"

Am 16. Juni findet erstmals in Österreich eine Konferenz zu "Open Government Data" statt. Veranstalter ist die Semantic Web Company (SWC). Thomas Thurner von SWC spricht im Interview über Details.

Marion Fugléwicz-Bren: Wie ist der derzeitige Status, wie verliefen die Workshops, wie ist die Stimmung bei den Stakeholders, kann man verschiedene Tendenzen bei verschiedenen Gruppen ausmachen, welche? Thomas Thurner: Es gibt Schrittmacher und es gibt (noch) Abwarter. Die Stadt Wien und die Open Commons Region Linz sind schon mit gutem Vorbild vorangeschritten. Die beiden Kommunen haben sehr rasch erkannt, dass die Energie die in diesem Thema steckt, auch für neue Wege der Verwaltungsmodernisierung einen Energieschub bringen kann. Anstatt jahrelange Grundlagenstudien zu beauftragen, wurden schnell und trotzdem umsichtig erste Angebote entwickelt. In diesen beiden Städten war erstens die Zeit reif und zweitens waren die richtigen Personen an den richtigen Plätzen. Als "gelernter Österreicher" war ich überrascht, wie rasch und konzentriert hier gearbeitet wurde. Jetzt gilt es, aus Pionierleistungen und ersten Initiativen tragfähige Langzeitprojekte zu entwickeln. Und natürlich müssen mehrere Städte, Gemeinden und vor allem der Bund rasch nachziehen. Ich hoffe auch hier auf die Change Agents aus Verwaltung und Politik.

Welche neuen Rollen und Prozesse können mit der angestrebten Datenöffnung erreicht werden? Es gibt viele verschiedene Interessen – lassen sich die alle unter einen Hut bringen? Open Data ist eine Infrastruktur. Demnach kann man bei der Errichtung noch gar nicht alle Rollen und Prozesse antizipieren, die ermöglicht und angestoßen werden. Doch wie bei anderen Verkehrs- oder Energieinfrastrukturen steht wohl auch hier außer Zweifel, dass Open Data zu nachhaltiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung beiträgt. Vielleicht ist es der Rohstoff für die neuen Geschäftsmodelle der nächsten Generation Internetwirtschaft, vielleicht ist es die künftige Informationsquelle für emanzipierte Bürger oder vielleicht auch nur ein weiteres Stück zur Informationsflut. Open Data ist in jedem Fall ein Katalysator der Veränderung. Und diese vielen Spielarten von Open Data lassen sich jetzt schon beobachten, wenn zum Beispiel Großbritannien Open Data als Werkzeug zur Wiedergewinnung von Vertrauen in eine durch Spesenskandale in Verruf geratene Politik entdeckt hat und transparente Budgetzahlen in Open Data zur Verfügung stellt oder wenn die Vereinigten Staaten Open Data als Rohstoff für ihre Internetwirtschaft bereitstellen.

Was macht eine Öffnung der Daten aus Ihrer Sicht notwendig und wie lässt sich verhindern, dass sich aus den veröffentlichten Daten durch Mashups verschiedenster Quellen ein Rückschluss auf einzelne Personen ergeben könnte? Die Herstellung von Informationsgerechtigkeit ist wohl das wesentliche Ziel von Open Data. Welchen Grund sollte es geben, dass Daten nur von staatlichen Stellen eingesehen werden können? Vor dem Weiterbestehen des derzeit noch faktischen Informations-Monopols durch den Staat habe ich mehr Angst, als vor Daten in Händen der Bürger. Gerade Open Data erlaubt mir, jene Datenverknüpfungen zu entdecken, die ungewollte und unerlaubte digitale persönliche Abbilder erzeugen. Nur durch offene Quellen habe ich – oder von mir beauftragte Datenschützer – überhaupt die Chance, die angesprochenen Aktivitäten anderer nachzuvollziehen und mit rechtlichen oder technischen Mitteln zu unterbinden. Oder anders gesagt, man wird nicht die Fenster zumauern, weil man einen Spion aussperren will, sondern man wird den Spion selbst verfolgen.

Daten sind nicht gleich Daten. Art und Inhalt zählen. Wie lässt sich da differenzieren? Bzw. wenn man – rein technisch - nicht personenbezogene Daten öffnen kann, dann gilt das ebenso für personenbezogene. Wer kann was dagegen tun, wer regelt die gesetzlichen Rahmenbedingungen? Wir beginnen ja nicht bei Null. Auch jetzt schon haben wir verschiedene Klassen von Daten. Den Telefonbucheintrag, die SV-Nummer, die Krankendatei, den Kontoauszug, den eigenen Weblog ... alle mit verschiedenen Ansprüchen bezüglich Offenheit, Transparenz und Privatheit. Auf der besonders offenen Seite der Skala befinden sich nicht-personenbezogene Regierungsdaten (Schulverzeichnisse, Unfalldaten, Verkehrsdaten, Umweltdaten, ...). Das eine sind die privaten Daten, hier hat der Bürger ein Recht auf Schutz, das andere sind die Regierungsdaten, hier hat der Bürger ein Recht auf Transparenz.

Dazu die Anschlussfrage: Open Data, Cloud Computing, LOD, – eine Menge von Begriffen werden oft nicht einmal von einschlägigen Experten einheitlich interpretiert. Laut einer neuen Studie misstraut die Öffentliche Hand der "Cloud". Gibt es für dieses Misstrauen einen – vielleicht nicht technischen, eher aber mentalen – Zusammenhang zu OGD oder kann man das gar nicht vergleichen? Die Frage ist eher: Gibt es bei der Einführung neuer Technik irgendwelche Verlierer? Wenn es die gibt, wird es schwierig diesen Changeprozess über deren Beharrungsvermögen hinweg durchzusetzen. Open Data hat hier die Chance des Neuen. Neue Technik, neue Aufgaben und neue Beteiligte machen diese Bewegung zu einem Prozess mit vielen Gewinnern. Möglich, dass dies der Grund für die schnelle Gangart in diesem Segment ist. Andere infrastrukturelle Änderungen haben eventuell nicht diese Fortune.

Wer finanziert Open Data? Zahlt die Öffentlichkeit da doppelt mit? In den USA scheint das Thema Sparmaßnahmen zum Opfer zu fallen – wie sieht das bei uns aus wo alles gerade erst beginnt? Zu den USA: In der Tat sind durch den Budgetstreit der Obama-Administration mit dem Congress auch die Mittel für die OGD-Initative von Kürzungen bedroht. Dem Vernehmen nach bedeutet das aber nicht eine Reduktion der diesbezüglichen Aktivitäten, sondern eher neue Finanzierungsstrukturen innerhalb der Regierung. Man darf nicht vergessen, dass OGD eine der Kernaktivitäten der Regierung Obama ist, und daher auch nicht einfach ein Streichposten sein kann.

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