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21.06.2010 Oskar Obereder*

Gastkommentar: Verschiedene Interpreten

Im Grunde ist es wie in der Schule: Dort werden halbjährlich Schulnachrichten beziehungsweise Zeugnisse verteilt, und die Telekombranche wartet eben alle zwölf Monate auf den neuesten Implementierungsbericht der Europäischen Kommission in Brüssel.

Was aber anders ist: Über ein Befriedigend in Geografie lässt sich kaum geteilter Meinung sein, über das Ergebnis des Ende Mai veröffentlichen EU-Berichts zur Situation des heimischen Telekomsektors offenbar schon.

"Gutes Zeugnis für Österreich", fasst etwa die Rundfunk & Telekom Regulierungs-GmbH (RTR GmbH) die Beurteilung in ihrem Newsletter zusammen. "Trotz einiger weniger Kritikpunkte", so der Text weiter. Was den interessierten Branchenbeobachter natürlich reflexartig zum 413-Seiten-Pamphlet der EU greifen lässt. Immerhin will man ja aus erster Hand bestätigt bekommen, was die zweite Hand darüber schreibt.

Bei dieser näheren Lektüre kommt eines jedoch schnell ans Licht: Vorzugsschüler sind wir in der EU weiterhin nicht, außer vielleicht beim Marktanteil des ehemaligen Monopolisten. Ganz im Gegenteil: Der Breitbandversorgungsgrad von 22,7 Prozent liegt trotz einer leichten Steigerung immer noch unter dem europäischen Durchschnitt von 24,8 Prozent. Nahezu alle westeuropäischen Länder rangieren mitunter deutlich vor Österreich. Die Tendenz bleibt besorgniserregend.

Parallel merkt die Europäische Kommission schon in ihrer Einleitung an, dass der Marktanteil des ehemaligen Monopol-Unternehmens am Festnetz-Breitbandmarkt in den letzten beiden Jahren wieder zunahm und es zu einem Rückgang der alternativen Infrastrukturausbauten kam. So werden bereits 51 Prozent aller Breitbandanschlüsse vom ehemaligen Monopolisten realisiert, während die Alternativen nur 49 Prozent der Kunden versorgen. Der EU27-Durchschnitt liegt übrigens bei 45 Prozent Marktanteil des Incumbents.

Angeregt wird auch, dass die RTR GmbH "zeitnah" einen praktikablen Regulierungsentwurf bezüglich Next-Generation-Access-Netzwerken liefern soll. Gemeint ist die rechtliche Ausbaugrundlage von u.a. Glasfasernetzen. Das relevante Marktanalyseverfahren wurde im Jänner 2009 gestartet, im September 2009 gab es ein Gutachten dazu, und im Mai 2010 nun den Bescheidentwurf, ein "kurzes" Verfahren also. Nicht zuletzt erwartet sich die EU davon, die als ungünstig angesehene Anteilssituation zwischen Festnetz- und mobilem Breitband zu beeinflussen.

KERN DER KRITIK Womit wir an einem Kern der "wenigen Kritikpunkte" angelangt wären. Denn so sehr sich bei der Interpretation des EU-Berichts generell die Geister scheiden, so sehr herrschen vor allem beim mobilen Breitband enorme Auffassungsunterschiede. Die RTR GmbH schreibt dazu enthusiastisch in ihrem Newsletter: "In Österreich kann als einzigem Mitgliedstaat das mobile Breitband als Substitut für einen festen Breitbandanschluss von Privaten gesehen werden. Auch hinsichtlich des Verbreitungsgrades von mobilem Breitband liegt Österreich EU-weit im Spitzenfeld mit über 15 Prozent." Im EU-Bericht ist von Enthusiasmus über diese Werte allerdings nichts zu spüren. Die Popularität dieses Services wird zwar anerkannt, allerdings mit dem Hinweis auf die aktuelle Marktsituation und die möglichen technischen Einschränkungen und Kapazitätsengpässe. Was das Potenzial von mobilem Breitband weit genauer beschreibt. Hier ein Substitut zu erkennen, wird weder den Anforderungen der Nutzer noch den Möglichkeiten des Internet gerecht.

Mobiles Breitband ist, was es ist: eine Ergänzung zu leistungsstarken, verlässlichen Festnetz-Breitbandleitungen, und als solche speziell für professionelle Zwecke von enormer Bedeutung. Sich aber mit hohen Verbreitungsgraden des mobilen Breitbandes über den nachhinkenden generellen Wettbewerb und die Marktbeherrschung der Telekom Austria hinwegzutäuschen gleicht aber dem Streuen von Sand – und zwar ins eigene Auge. Hier wäre stattdessen ehrlicher Realismus gefragt bzw. sollte sich die Regulierungsbehörde die Frage stellen, wieso bei Mobilfunknetzen Wettbewerb herrscht und im Festnetz nicht.

EINSER IM TURNEN Dazu kommt: Es wird schon seine Gründe haben, dass andere Länder, die Österreich bei der Durchdringung von Breitband meist etliche Prozente voraus haben, die Zukunft anderswo sehen. Im EU-Spitzenfeld bei mobilem Breitband zu liegen ist eine schöne Leistung. Bezogen auf die generelle Zeugnisverteilung hat dies aber eine ähnliche Bedeutung wie ein Einser in Turnen an einer Höheren Technischen Lehranstalt. Heißt: Er erfüllt zum Senken des Notenschnitts allemal seinen Zweck, mehr aber auch nicht. Es wird Zeit, in den Hauptfächern auf Eins zu stehen.

* Oskar Obereder ist Geschäftsführer des ISP Silver Server.

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