Ist das kollektive Facebook-Leben ein delegiertes Leben? Detail - Computerwelt

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02.12.2011 Marion Fugléwicz-Bren*

Ist das kollektive Facebook-Leben ein delegiertes Leben?

Interpassivität versus "Web Zweipunktnull": Kann man die beiden Ansätze vergleichen, was wollen sie, was sagen sie über unser Verhalten aus?

Interpassivität versus "Web Zweipunktnull": Kann man die beiden Ansätze vergleichen, was wollen sie, was sagen sie über unser Verhalten aus? Delegieren wir unsere Genüsse und Interessen lieber als sie selbst adäquat in Anspruch zu nehmen, delegieren wir unser Leben an virtuelle Welten?

Der Begriff "Interpassivität" packte mich wie ein Windstoß. Als wissenslüsterne Person, die nicht nur seit Jahren in sozialen Netzen unterwegs ist, sondern sich auch beruflich und privat intensiv mit (Internet-) Innovationen auseinandersetzt, wollte ich diesen Ansatz von einer neuen Seite beleuchten. Und so traf ich den charismatischen Robert Pfaller zum Interview. Er ist vielfacher Buchautor, Ordinarius für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien und seine Studien über Interpassivität fanden bereits vor zehn Jahren internationale Beachtung.

Sofort kommt mir die scheinbar allgegenwärtige Haltung der Web-Zweipunktnull-Generation in den Sinn – die Ubiquität, die Allgegenwart des Internet, eine kulturelle Geisteshaltung, die schon längst nicht mehr nur mit dem Netz zu tun hat, sondern die gleichsam zur Attitüde einer ganzen Gesellschaft wird: Das "Web Zweipunktnull" ist etwa charakterisiert durch die Nutzung kollektiver Intelligenz, man spricht dabei vom "Aal-Prinzip" ("andere arbeiten lassen"), die Interaktion zwischen Anwendern spielt eine Hauptrolle und natürlich der Wettbewerb – denn Marktvorsprung hat dabei, wer das Wissen der anderen zu nutzen lernt.

Interpassivität bezeichnet ein Verhalten, bei dem Menschen Genuss an andere delegieren, so Robert Pfaller. Kurz zur Entstehung des Begriffs: In den Neunzigerjahren herrschte in der Kunst, besonders in der Medienkunst, ein bestimmtes Denken vor, das sich auf den Begriff der Interaktivität stützte. Diese "Ideologie" ging davon aus, dass Menschen mehr Freude an etwas haben, an dem sie mitwirken können. Pfaller: "Ich war damals skeptisch, ob es für Menschen ein 'Glücksprogramm' darstellt, wenn sie durch ihre Mitarbeit etwa ein Kunstwerk erst zu dem machen, was es ist. Das brachte mich auf den Gedanken, ob Menschen nicht eher froh sind, wenn sie ihren Genuss delegieren können – man denke etwa an Sitcoms, bei denen das Lachen schon vom Fernsehen übernommen wird oder den Videorecorder, der 'für den Konsumenten' das Fernsehen übernimmt. Das führte zur Frage ob wir manchmal lieber unsere Genüsse delegieren als unsere Arbeit und sie vor allem lieber delegieren als sie selbst in Anspruch zu nehmen. Diese Frage erwies sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so absurd..."

Natürlich gibt es auch im Internet eine ganze Reihe interpassiver Verhaltensweisen, weiß der Philosoph, der selber auch im Facebook zu finden ist, "die meisten meiner 'Freunde' kenne ich allerdings nicht" lacht er. "Etwa das Verhalten, eine interessante Website zu finden, sie auszudrucken und den Ausdruck nie wieder anzusehen. Oder das Downloaden und Speichern – das schaut dann eher der eigene Computer an statt dem Anwender. Viele Phänomene, die man im Facebook beobachten kann, weisen auf diese Verhaltensweise hin – etwa die Statusmeldung: 'Ich habe einen Kuchen gebacken, der schmeckt herrlich', wäre ein solcher Versuch, vom vorgestellten Genuss der anderen zu leben. Das gibt es gerade auch in den neuen Medien auf vielen Ebenen". Eine andere Facette dabei, so Pfaller, ist das Glauben an eine Illusion: Niemand glaubt, dass ein Videorecorder für einen selber vollwertig fernsehen kann, aber alle verhalten sich danach. In allen Akten der Interpassivität haben wir es also auch mit der Inszenierung einer Illusion zu tun. Aber auch die Ebene der Inszenierung kommt bei Facebook als wichtige Kulturdimension vielleicht ins Spiel: Der unsichtbare Dritte. Es wird nicht unterschieden zwischen wirklichem Wesen und Spiel. Dieses "fiktive Publikum" übernimmt die Funktion eines "naiven Beobachters" der eigenen Interpassivität – es braucht real gar nicht zu existieren. Auch in anderen kulturellen Bereichen kommt der "naive Andere" zum Tragen – etwa bei der Höflichkeit: Wenn wir fragen "Wie geht es Ihnen" und der Gefragte sagt "Danke gut", glaubt weder der Gefragte, dass sich der Andere für sein Befinden interessiert, noch glaubt der Fragende, dass es dem Anderen wirklich gut geht, aber es wird so inszeniert. Vielleicht ist es auch ein Zeichen des "zivilisiert Seins", dass wir vieles nicht nur deshalb unternehmen, um es selbst zu glauben.

Wenn man vom Exhibitionismus der Intimitäten in den sozialen Netzwerken ausgeht, könnte man eine Analogie dazu ziehen, wie Karl Marx kapitalistische Lohnarbeit begriffen hat: Dass Menschen überhaupt bereit sind, in ein Lohnarbeitsverhältnis einzutreten, bedeutet, dass davor eine gewaltige Beraubung von Produktionsmitteln stattgefunden hat. Den "digitalen Exhibitionisten" ist die Möglichkeit einer würdevollen Öffentlichkeit verloren gegangen. Deshalb sind sie bereit, um jeden Preis eine ephemere Prominenz zu ergattern. "Ich glaube, es sind oft auch Menschen, die kaum eine andere Möglichkeit haben, an irgendwelche Öffentlichkeiten heranzukommen – etwa weil sie in abgelegenen Gebieten leben".

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