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05.09.2011 apa/pte/Rudolf Felser

Netzaktivisten gegen "Echtnamenzwang" bei Google+

Nutzeraufstand gegen Google: Immer lauter wird der Protest gegen die Bestimmungen des Internet-Konzerns zur ausschließlichen Verwendung der echten Namen im Sozialen Netzwerk Google+.

Am Montag forderte eine Gruppe von 28 Netzaktivisten und deutschen Bundestagsabgeordneten Google in einem offenen Brief auf, die Nutzung eines Pseudonyms zuzulassen.

Die Bedeutung der Kontroverse reicht weit über Google+ hinaus und wirft grundsätzliche Fragen zur Identität in der digitalen Gesellschaft auf. "Google+ macht die Vernetzung mit Menschen im Web mit der Vernetzung von Menschen in der realen Welt ähnlicher", heißt es in der Begründung des Konzerns für seine Klarnamenregel.

"Deswegen ist es wichtig, dass Sie ihren gewöhnlichen Namen verwenden, damit die Leute, mit denen Sie in Verbindung sein wollen, Sie finden können." Das weltgrößte Online-Netzwerk Facebook hat ähnliche Regeln, wie eine Sprecherin erläutert: "Für Facebook sind Authentizität und Sicherheit von höchster Priorität. Nicht zuletzt deshalb verfolgt Facebook eine Klarnamen-Politik, der alle Nutzer bei der Anmeldung bei Facebook zustimmen." Dadurch entstünden "echte, authentische Beziehungen, wie auch im realen Leben".

Doch Google+ ist nach dem Start vor gut zwei Monaten auch daran gegangen, die Einhaltung der Bestimmungen zu erzwingen. Zeitweise wurden mehrere Nutzerkonten suspendiert, darunter auch das der amerikanischen Bloggerin Violet Blue – obwohl diese wirklich so heißt. "Nach Überprüfung Ihres Profils haben wir festgestellt, dass der von Ihnen angegebene Name gegen unsere Community-Standards verstößt", hieß es in der Begründung, die von Blue veröffentlicht wurde.

"Die Nutzung eines Pseudonyms ermöglicht es Bürgern, im Einzelfall und nach ihrem eigenen Dafürhalten eine Meinung frei artikulieren zu können, ohne Ächtung und Nachteile befürchten zu müssen", erklären die Verfasser des am Montag veröffentlichten Briefs an Google-Europachef Philipp Schindler. "Dies ist essentiell für die freie Meinungsbildung in einer Demokratie" – und entspreche auch der "natürlichen Begegnung in der Realität, wo sich Menschen zunächst ohne Namensnennung begegnen und einander dann vorstellen, wenn sie selbst es für geboten halten". Schließlich biete ein Pseudonym den Bürgern totalitärer Staaten einen Schutz vor Repressionen.

Initiator des Briefs ist der Hamburger Unternehmer Christoph Kappes. Zu den Erstunterzeichnern gehören die deutschen Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU), Peter Tauber (CDU), Manuel Höferlin (FDP), Jimmy Schulz (FDP), Lars Klingbeil (SPD) und Konstantin von Notz (Grüne) sowie Netzakteure wie Markus Beckedahl, Peter Glaser, Lars Hinrich, Jürgen Kuri, Sascha Lobo und Christiane Schulzki-Haddouti.

Auch in den USA sorgt die Klarnamen-Regel für heftige Debatten. Pseudonyme, "Nicknames oder Alias-Namen sind schon lange fester Bestandteil der Internet-Kultur", betont die Bürgerrechtsorganisation EFF (Electronic Frontier Foundation) in ihrer Kritik an der Namenspolitik von Google. "Langjährige Online-Bewohner führen schon seit über 20 Jahren einen Nickname."

Eine eigene Online-Identität führt auch Kixka Nebraska, die unter diesem Pseudonym als "Profilagentin" Personen oder Organisationen bei der Gestaltung eines Profils in Sozialen Netzwerken berät. "Meine gesamte professionelle Netz-Erfahrung und digitale Identität habe ich als Kixka Nebraska gewonnen und aufgebaut", sagt die Hamburgerin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. "Mein Real-Namen-Ich ist für die Öffentlichkeitsarbeit einer Weiterbildungsinstitution verantwortlich – das wollte ich von Anfang an unterscheidbar halten."

Manche vermuten, dass die Klarnamenregel von Google+ das Interesse verfolgen könnte, den Werbekunden von Google künftig noch raffiniertere Angebote für gezielte Werbung machen zu können. Dies weist das Internet-Unternehmen zurück. Google betont, dass es andere Plattformen wie Youtube und Blogger unterhalte, auf denen es sehr wohl möglich sei, anonym oder mit einem regelmäßig verwendeten Pseudonym aufzutreten.

Forderungen aus der Politik nach einem "Vermummungsverbot im Internet", wie es im November 2010 der Vorsitzende der deutschen Enquete-Kommission Internet und Digitale Gesellschaft, Axel Fischer (CDU), ins Gespräch brachte, stoßen regelmäßig auf massive Proteste. Frank Rieger vom Chaos Computer Club (CCC) sagte am Wochenende auf der Berliner Konferenz "Netz für alle", ein "Echtnamenzwang führt auf den direkten Weg in die totalitäre Gesellschaft". Es sei ein Menschenrecht, anonym bleiben zu können oder ein Pseudonym zu verwenden.

"Das Datenschutzgesetz aus dem Jahr 2000 sieht einen Echtnamenzwang jedenfalls nicht vor", so auch Datenschutzexperte Gregor König von der Österreichischen Datenschutzkommission gegenüber der Nachrichtenagentur pressetext. "Allerdings kann es umgekehrt sein, dass bestimmte Daten nach dem Gesetz für dieses oder jenes verwendet werden dürfen. Grundsätzlich schließt jeder Gebrauch von Daten die Möglichkeit eines Missbrauchs mit ein. Bei Echtnamen ist der Schaden freilich höher." (apa/pte)

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