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04.03.2011 apa/pte/Rudolf Felser

E-Day 2011 im Zeichen von Social Media

Die neuen Technologien in den digitalen Medien bringen gigantische Möglichkeiten, aber auch gigantische Probleme.

Sowohl Unternehmen als auch Anwender stehen im Web 2.0 gleichermaßen vor Chancen und Herausforderungen. "Früher gab es Veränderung, dann gab es einen neuen Zustand. Heute ist Veränderung der Zustand", sagt Blogger, Journalist und Schriftsteller Peter Glaser.

In seiner Keynote auf dem diesjährigen E-Day der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) führte er vor, wie sich Medien, Kommunikation und User durch das Social Web verändert haben. "Wer in den 90er-Jahren ins Internet gegangen ist, der hat es mit Maschinen zu tun gehabt. Wer heute ins Netz geht, der hat mit Menschen zu tun", meint Glaser gegenüber der Nachrichtenagentur pressetext. Das allgegenwärtige Web ist für die User dabei zur Selbstverständlichkeit geworden. "Dinge wie 'Sendeschluss' oder 'Testbild' kennen wir in den heutigen Medien gar nicht mehr. Ladenöffnungszeiten gibt es nicht", so der Fachmann. Das Netz fließt. "Timeline" nennt sich beispielsweise der unaufhörliche Strom an Nachrichten bei Twitter.

NICHT ALLES NÜTZLICH Durch das Internet sind vormals passive Medienkonsumenten aktiv geworden – oftmals freiwillig und mit erstaunlichem Enthusiasmus. "Jeder sendet und empfängt mittlerweile ganz selbstverständlich", betont Glaser. Dabei findet dem Experten zufolge ein riesiges soziales Experiment statt. "Die Menschen versuchen herauszufinden, wie man im Netz miteinander umgehen – wie man im Internet leben kann." Bei der Kommunikation ist es erforderlich geworden, sich dem Web anzuvertrauen. Medien sind nicht länger Dinge, die wir benutzen. "Wir leben heute in unseren Medien", so Glaser.

Allerdings sollten wir auch darüber nachdenken, ob alles, was hier passiert, wirklich nützlich ist, sagt Hans-Jörg Schelling, Vizepräsident der WKÖ, bei der Eröffnung des E-Days. "Nicht jede Innovation ist ein Fortschritt." Der digitale Wandel wird nicht von allen Menschen als Vorteil empfunden – viele fühlen sich ausgeschlossen. "Schon Begrifflichkeiten im Web sorgen für erhebliche Verwunderung, ganz zu schweigen von dem, was sie eigentlich bezeichnen", erläutert Glaser. Um einen Enthusiasmus für die Technologien überall zu verbreiten, muss jedoch auch allen ein Zugang ermöglicht werden.

ZWISCHEN IRRELEVANZ UND REVOLUTION Soziale Medien und Netzwerke bieten für viele Unternehmen enorme Wachstumschancen, sind aber wahrscheinlich für ebenso viele Betriebe derzeit noch irrelevant, erklärten auch Expertinnen und Experten bei einer Spezial-Ausgabe der APA-E-Business-Community, die im Rahmen des E-Day 2011 stattfand.

Heimische Betriebe würden derzeit noch abwarten und sich nur zögerlich in sozialen Netzwerken engagieren. Das verhindere aber nicht, dass dort über sie geschrieben werde. "Nur weil man diese Kanäle nicht nutzt, heißt das nicht, dass man dort nicht vorkommt", gab Marcus Hebein von APA-MultiMedia zu bedenken. Sein Rat: "Vertrauen Sie niemandem, der Social Media für unwichtig erklärt, aber auch niemandem, der eine Revolution vorhersagt."

FERTIGKEITEN MÜSSEN ERST ERWORBEN WERDEN Für Unternehmen sei es wichtig, sich die notwendigen Fertigkeiten für neue Medien ins Haus zu holen. "Wenn Sie ein EPU (Anm.: Ein-Personen-Unternehmen) sind, müssen Sie das ohnehin selber machen", zeigte sich Meral Akin-Hecke vom auf digitale Medien spezialisierten Netzwerk "Digitalks" überzeugt. Sie riet dazu, beispielsweise mit befreundeten Unternehmen zu sprechen, Wissensträger "auszubeuten" und sich dieses Know-how anzueignen.

"Das darf man nicht nur als Marketinginstrument, sondern als Informationspool für das Geschäft sehen", so die Expertin, die davor warnte, alle Plattformen in einen Topf zu werfen. Social Media werde – so wie jetzt Zeitunglesen oder Nachrichtenschauen – zum Alltag und sich einfach in das Leben integrieren. An die Medienvertreter gewandt meinte Akin-Hecke: "Sie werden auch in fünf Jahren noch Nachrichten machen und wir werden sie kommentieren und weiterleiten."

Die Leser würden in neue Kanäle strömen "und wir rennen hinterher", so Patricio Hetfleisch von der Tiroler Tageszeitung (TT): "Teilweise sind wir da recht unerfolgreich. Apple erfindet hingegen praktisch alle zwei Jahre die Medienwelt neu." Nur drei Prozent des Traffics auf der Website der TT würden von Facebook kommen. "Das ist problematisch, weil wir da viel Zeit und Energie reinstecken. Andererseits könnte uns das in ein paar Jahren das Geschäftsmodell retten", sagte Hetfleisch.

"DAS INTERNET FINDET AUCH OHNE SIE STATT" Wachstumschancen sieht auch Alexis Johann von der WirtschaftsBlatt Digital GmbH. In sozialen Netzwerken könnten Beziehungen und Vertrauen gezielt aufgebaut werden. Voraussetzung sei aber Zeit zum Zuhören. Er warnte Unternehmen davor, sich blindlings ins Social-Media-Getümmel zu werfen: "Seien Sie beruhigt. Das Internet findet auch ohne Sie statt." Wichtig sei, sich vorher genau zu überlegen, wo und wann man seine Kunden abholen will.

Größtes Thema sei derzeit die Unsicherheit der Unternehmen, ergänzte Angelika Sery-Froschauer vom Fachverband Werbung und Marktkommunikation in der WKÖ. Schließlich würden die alten Kanäle nicht verschwinden, aber neue dazu kommen. Und die Betriebe – ob groß oder klein – müssten darauf reagieren. Allerdings sei hier ein strategisches Vorgehen notwendig.

Die Medienbranche selbst beschäftige sich derzeit mit Social Media einerseits als interessanter Quelle, die aber nicht immer zuverlässig sei, und andererseits "als neuer Ausspielkanal für unsere Informationen", so Hebein. Wie unterschiedlich der tatsächliche soziale beziehungsweise politische Einfluss sei, würden die Beispiele Ägypten und Karl-Theodor zu Guttenberg zeigen.

Rund 15 Prozent der Meldungen zum Aufstand in Ägypten hätten sich mit der Rolle der neuen Medien beschäftigt. Zur Revolution wäre es laut Experten aber auch ohne Facebook gekommen. "Da wird viel reinprojeziert", sagte Hebein. Bei Guttenberg stelle sich die Sache anders dar. "Zuerst war man der Meinung, dass er das schon irgendwie überleben wird. Durch die Zusammenarbeit vieler Personen im Rahmen eines Wikis, bei der seine Doktorarbeit nach Plagiaten durchforstet wurde, zeigte sich dann aber der starke Einfluss von sozialen Medien." (apa)

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