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11.01.2010 apa/Michaela Holy

Suchen im Sekundentakt

Google und Bing haben mit Twitter vereinbart, über eine Standleitung alle Tweets in Echtzeit zu erhalten. Das wird die Konzerne einiges kosten - und verschafft dem Startup ohne Geschäftsmodell ordentliche Einnahmen.

Als am Wochenende in Nord-Kalifornien die Erde bebte, machte die Nachricht zuerst bei Twitter die Runde. Kaum waren die Stöße abgeklungen, vermeldeten Bewohner der Kleinstadt Eureka die Katastrophe. Nur wenig später lieferten sie Fotos von zerbrochenen Schaufenstern und umgeworfenen Möbeln. Der Kurzmeldungsdienst hat seinem Ruf als Turbo für Nachrichten und Gerüchte im Netz bestätigt. Neuerdings beschleunigt er damit auch Suchmaschinen: Google und Bing integrieren seit kurzem die "Tweets" in ihre Ergebnisse auf den US-Seiten. So tauchte Eureka binnen weniger Minuten auch dort auf.

Dass Schwergewichte wie Google und Microsoft auf Twitter setzen, hat auch mit einem anderen Ereignis vor ziemlich genau einem Jahr zu tun. Als Mitte Jänner 2009 ein Flugzeug auf dem Hudson River notwasserte, war bei ihren Suchmaschinen lange Zeit nichts darüber zu finden. Anders beim populären Kurzmeldungsdienst: Nutzer berichteten nur Minuten nach der Beinahe-Katastrophe in New York von einer Fähre aus, wie sie die Rettung der unverletzten Passagiere erlebten, garniert mit Fotos.

Dass Google, Bing und Co. im Vergleich zum Zwitscherdienst (Twitter bedeutet auf deutsch übersetzt in etwa soviel wie Gezwitscher) langsam sind, hat mit ihrer Suchmethode zu tun. Sie verschaffen sich ihren Datenfundus, indem sie Armeen von Such-Robotern durch den Cyberspace schicken. Die Programme durchkämmen automatisch eine Website nach der anderen und fügen ihre Funde dem Index zu.

Veränderungen erscheinen erst in den Ergebnissen, wenn der Suchtrupp wieder da war. Das kann dauern – selbst die Nachrichtenrubrik Google News und die Blogsuche werden nur alle 15 Minuten aktualisiert.

Twitter und seine Verwandten sind anders: Spontaner, aber auch chaotischer. Jeder kann sich zu Wort melden, dank Internet-fähiger Handys sofort und von überall, wie die Bewohner des Erdbebengebietes oder die Zeugen der Notwasserung. Damit verbreiten sich Meldungen binnen Minuten um die Welt, ehe Journalisten und Blogger auch nur eine Zeile geschrieben haben und die Suchmaschinen diese finden können.

Die wichtigste Quelle ist Twitter. "Dort wird von so vielen Leuten so viel Material veröffentlicht, dass Echtzeitsuche im Großen und Ganzen das Gleiche bedeutet wie die Suche in Tweets", meint Danny Sullivan, Chefredakteur des Blogs "Search Engine Watch". Google und Bing haben deswegen mit Twitter vereinbart, dass sie über eine Standleitung alle Tweets in Echtzeit erhalten. Das wird die Konzerne einiges kosten - und verschafft dem Startup ohne (Endkunden-)Geschäftsmodell ordentliche Einnahmen. Eine Sorge weniger für die Twitter-Betreiber, denn die Monetarisierung des beliebten Dienstes war eines der meistdiskutierten Themen des vergangenen Jahres (siehe auch "Geschäftsmodell für Twitter").

Auch Facebook mit seinen 350 Millionen registrierten Mitgliedern wird immer wichtiger. In dem Online-Netzwerk können Nutzer ihr Profil um launige Kommentare (Statusmeldungen), Fotos oder Links anreichern - ähnlich wie bei Twitter, aber ungleich umfangreicher. Die Zielgruppe lässt sich zwar auf die eigenen Freunde beschränken. Mit der jüngsten Änderung der Datenschutz-Einstellungen legt das Unternehmen aber nahe, seine Äußerungen alle Internetnutzern zugänglich zu machen. Google und Bing können darauf zugreifen.

Von den Kurzmeldungen - den Tweets oder Statusmeldungen - können die Suchmaschinen doppelt profitieren. Die persönlichen Kommentare der Nutzer geben den Lesern das Gefühl, dabei zu sein - in Echtzeit und dank verlinkter Bilder und Videos auch in Farbe. Auch die vielen Links, die sich in der Twitter-Welt verbreiten, sind ein wertvoller Datenschatz: "Die Suchmaschinen entdecken darüber Dokumente, die noch nicht erfasst sind", sagt Dirk Lewandowski von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg. Und wenn viele Twitterer eine Seite empfehlen, wird deutlich, was gerade im Web angesagt ist.

Allerdings dürften die Millionen von Tweets und Statusmeldungen selbst den Giganten Google vor technische Herausforderungen stellen. "Die Betreiber müssen binnen kürzester Zeit die Meldungen filtern und deren Relevanz bewerten", sagt Suchmaschinen-Experte Lewandowski. Wie schwierig das ist, zeigen die Einträge zum Erdbeben in Kalifornien: Tweets wie "Whooo, earthquake in Northern Cali!" dürften Nutzern wenig wertvolle Informationen bieten - außer, dass dort die Erde bebt.

Die Echtzeit-Suche ist nach Lewandowskis Auffassung "mit heißer Nadel gestrickt", die Anbieter experimentieren noch. Der Erfolg wird davon abhängen, wie gut sie mit den Meldungsmassen klarkommen. So schnell verzichten werden sie darauf sicherlich nicht - noch einmal lassen sie Twitter nicht den Vortritt.

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