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30.07.2010 Michaela Holy

Internet gefährdet Zwischenhändler

Der "Vater" des österreichischen Internet, Peter Rastl, erwartet, dass Zwischenhändler durch technische Innovationen massiv vom Aussterben bedroht sind. Unerwartete Entwicklungen, etwa durch neue Internet-Angebote, bringe auch Verlierer hervor.

Die Gesellschaft solle sich davon aber nicht in Geiselhaft nehmen lassen, erklärte Peter Rastl, ehemaliger Direktor des Zentralen Informatikdienstes der Universität Wien, bei einer Veranstaltung der APA-E-Business-Community.

Man dürfe sich Innovationen nicht in den Weg stellen. Als Beispiel nannte Rastl die Musikindustrie, "die glaubt auf das Urheberrecht, das auf den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückgeht, pochen zu können". Betroffen seien aber auch Reisebüros oder Buchhändler. Generell werde oft versucht, "etwas zu kriminalisieren oder durch politische Maßnahmen bzw. Lobbying hintanzuhalten". Es sei aber nicht lösungsorientiert, wenn Lexika-Anbieter Wikipedia oder die Setzer die Textverarbeitungsprogramme von Microsoft verhindern hätten können. "Der Kunde wird mündiger und sucht sich den Lieferanten selber aus", so Rastl.

Allerdings müsste dazu der "digital divide" geschlossen werden. "Internetkompetenz braucht in Zukunft jeder. Dazu muss es auch Veränderungen im Bildungswesen geben", forderte der Experte, der für die Installation einer Standleitung zwischen seiner Arbeitsstätte und CERN am 10. August 1990 verantwortlich war und damit vor 20 Jahren die Geburtsstunde des heimischen Internets eingeläutet hat. Der Politik fehle aber möglicherweise der technische Weitblick, siehe Vorratsdatenspeicherung. "Die Terroristen müssen sich ins Fäustchen lachen, wenn wir die Grundwerte der Gesellschaft opfern", sagte Rastl, der enormes Missbrauchspotenzial ortet.

"Der Rohstoff der nächsten Generation heißt Wissen. Die Basis für dessen Nutzung ist das Internet", gab sich auch Martin Fluch von der A1 Telekom Austria AG überzeugt. Dienste, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar waren, würden manchmal binnen weniger Monate ins Zentrum unseres täglichen Lebens rücken. Beispiele dafür seien Web 2.0, User Generated Content oder Location Based Services. Große Erwartungen setzt Fluch auch in Cloud Services, also über das Internet angebotene Speicher-, Rechen- bzw. Softwareressourcen. "Was bringt es, Fotos auf der Digitalkamera zu haben, wenn man sie herzeigen will? Die Zukunft ist, jederzeit auf seine Daten zugreifen zu können."

Die Infrastruktur werde sogar noch wichtiger als in der Vergangenheit, pflichtete Dieter Kittenberger von HP Österreich bei. "Wer glaubt, dass viele Unternehmen auch noch in zehn Jahren eigene IT-Abteilungen haben werden?", sieht er die Cloud Services auf dem Vormarsch. Die Zukunft des Internet werde dadurch geprägt sein, dass der konkrete Nutzen für den Einzelnen noch stärker im Mittelpunkt stehe: "Individualisierte Services und partizipative Kommunikationsmodelle werden nur einige der Ausprägungen sein", erklärte Kittenberger.

Gerade Klein- und Mittelbetriebe (KMU) könnten sich durch Cloud Services wieder auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren, so Gerhard Laga vom E-Center der Wirtschaftskammer Österreich. Diese Dienste würden von Spezialisten deutlich professioneller und effizienter angeboten, allerdings gebe es noch Berührungsängste. Hier müsse noch Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Die Cloud sei "ein hippes Thema, aber die Mehrheit der Klein- und Mittelbetriebe hat für die nächsten fünf Jahre keine Pläne, entsprechende Services zu nutzen. Außerdem wollen viele ihre Daten nicht außer Haus geben", bremste Thomas Jäkle vom Wirtschaftsblatt die Erwartungen. Das Internet habe zwar ein bisschen gehen gelernt, aber so richtig in Schwung gekommen sei es nicht. "Dazu waren die vergangenen 20 Jahre zu technologielastig. Es braucht noch einiges, um Innovationen der breiten Masse näher zu bringen", so Jäkle.

Oft fehlten einfach funktionierende Geschäftsmodelle, ergänzte Marcus Hebein von APA-Multimedia. Bei vielen Innovationen im Internetbereich sei der Ablauf folgender: Zuerst komme die Technologie, dann eine Masse an Nutzern. Allerdings gebe es zu diesem Zeitpunkt noch immer kein Businessmodell. "Jeder setzt voraus, dass, wenn die ersten beiden Punkte erfüllt sind, sich auch automatisch ein Geschäftsmodell ergibt", erklärte Hebein. Das sei aber oft nicht der Fall.

Bei der Frage nach den Innovationen der nächsten Jahre verwiesen die Experten auf durchaus unterschiedliche Trends: Kittenberger sieht das "Internet der Dinge" - also die Netzanbindung von Geräten aller Art - als enorm zukunftsträchtig: "Das wird uns noch massiv beschäftigen. Sensoren an Brücken können etwa über das Internet ihren aktuellen Status melden." Laga erwartet sich neue Arten der Interaktion, "die Tastatur wird immer unpassender".

Hebein prognostiziert "mehr Ordnung": "Auch wenn immer mehr Informationen zur Verfügung stehen, wird jeder die Services nutzen können, die er haben will und in der konkreten Situation braucht. Das ist auch notwendig, um nicht von der Infoflut überrollt zu werden." In dieselbe Kerbe schlägt Fluch: "Es gibt Unmengen an Informationen, aber künftig werden sie abgestimmt auf Sachen aufbereitet, die wir zu dem Zeitpunkt wirklich brauchen."

Jäkle sieht das Internet "zu einer unglaublichen Datenschleuder verkommen". Doch "die Googleisierung und Facebookisierung" werde nicht das Glückseligmachende sein. Die einzige Voraussage, die Rastl treffen wollte, ist: "Weitere unerwartete Entwicklungen sind zu erwarten."

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