Zahlt Google für Vorfahrt im Internet? Detail - Computerwelt

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26.08.2010 Jürgen Hill*

Zahlt Google für Vorfahrt im Internet?

Jahrelang war Google einer der lautstärksten Verfechter der Netzneutralität. Doch jetzt bricht das Unternehmen anscheinend mit seinen Prinzipien und verhandelt über den bevorzugten Weitertransport bestimmter Content-Arten.

Unter dem Schlagwort »Netzneutralität« streiten sich Carrier und Internet-Provider mit Unternehmen wie Google, Amazon und Co. darüber, wer für den steigenden Kapazitätsbedarf zahlen soll. Erstere würden gerne große Verkehrsverursacher, die mit ihren populären Anwendungen viele User anziehen und damit ein hohes Datenvolumen erzeugen, zur Kasse bitten – also eine Art Schwerlastabgabe erheben. Des Weiteren schwebt ihnen eine Mehrklassengesellschaft vor: So wie Zuggäste in der ersten Klasse mehr Komfort genießen, sollen im Internet Datenpakete erster Klasse mit einer höheren Priorität weitertransportiert werden (Quality of Service). Natürlich gegen Aufpreis.

Google hatte sich gegen solche Maßnahmen stets heftig zur Wehr gesetzt. Jetzt könnte das Unternnehmen allerdings eine Alternativposition einnehmen. Google, so ein Bericht der New York Times, wolle künftig für die schnellere Übermittlung bestimmter Internet-Inhalte bezahlen. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein und verbreitete sich rasch um den Globus: Google, der glühende Verfechter der Netzneutralität bricht mit seinen Prinzipien und will etwa für den schnelleren Weitertransport bezahlen? Hierzu führe Google Verhandlungen mit Verizon, so die New York Times weiter, und im Laufe der nächsten Woche sei der Abschluss eines entsprechenden Deals geplant.

SPRACHE VOR VIDEOS Die Sensation schien perfekt und eine Neuordnung des gesamten Internet-Business durch den drohenden Fall der Netzneutralität bevorzustehen. So entstanden die wildesten Spekulationen, zumal die beiden Akteure Google und Verizon keine klare Stellung bezogen. Ganz im Gegenteil, Google-Chef Schmidt sorgte in Kalifornien für weitere Verunsicherung als er auf einer Presseveranstaltung orakelte: »Netz-Provider sollten nicht die Inhalte eines bestimmten Unternehmens bevorzugt weitertransportieren dürfen, sondern nur Datenarten gegenüber anderen – zum Beispiel Voice vor Video.« Um nichts anderes geht es aber in der Diskussion um die Netzneutralität.

Verizon bemühte sich auf seinem Firmen-Blog klarzustellen, dass die New York Times die Gespräche zwischen Google und Verizon falsch interpretiere und es falsch sei, daraus auf ein Business-Agreement zu schließen. Als Reaktion darauf bekräftigte die New York Times, dass ihr Artikel korrekt sei. Klare Dementi lesen sich anders. Zudem brauchte Google über 20 Stunden, um auf die Falschmeldung mit einem Tweet zu reagieren, dessen Urheber unklar ist. Warum machen die beiden Unternehmen so ein Geheimnis um ihre Gespräche? Letztlich bleibt also viel Interpretationsspielraum. Vielleicht ist ja folgende Vermutung richtig: Es ist falsch, dass Google für den bevorzugten Weitertransport seiner Inhalt zahlt. Dafür haben sie sich aber geeinigt, Videodaten im Netz grundsätzlich zu priorisieren – egal von wem sie stammen. Und für diesen Service wird ein Zuschlag erhoben.

»INTERNET IN GEFAHR« Spinnt man diesen Gedanken weiter, dann könnte eine Vereinbarung zwischen Google und Verizon Signalwirkung für die gesamte Branche haben: Google war nämlich in den letzten Jahren die prominente Speerspitze der Verfechter einer Netzneutralität im Internet. So hatte sich der Konzern immer Ansinnen widersetzt, dass die Verursacher hohen Datenaufkommens im Internet dafür bezahlen sollen. Ebenso lehnte Google ab, dass bestimmte Content-Arten wie etwa Video gegen Cash im Internet Vorfahrt erhalten sollten. Angesichts solcher Wünsche, die vor allem von Service Providern und Telcos kommen, warnte Google-Chef Eric Schmidt des Öfteren öffentlichkeitswirksam: »Das Internet, wie wir es kennen, ist ernsthaft in Gefahr.«

In der Tat könnte damit das Internet in Gefahr sein. Ähnliche Begehrlichkeiten hatten etwa Telefonica-President Cesar Alierta angemeldet und auch andere TK-Unternehmen stehen in den Startlöchern. Und Deutsche-Telekom-Chef René Obermann hatte erst kürzlich das Prinzip der Netzneutralität in Frage gestellt und für eine Zwei-Klassengesellschaft plädiert. Für die Enduser könnte dies bedeuten, dass sie künftig zwar Internet-Videos ruckelfrei empfangen, dafür aber auch mehr bezahlen müssen. Des Weiteren befürchten Bürgerrechtsorganisationen, dass in einem Internet mit priorisiertem Content gegen Bezahlung kleinere Inhalteanbieter unter die Räder geraten. Ihre Inhalte würden dann nicht mehr wahrgenommen, so die Argumentation, wenn nur die Angebote einiger große Anbieter schnell und störungsfrei zum Enduser transportiert werden. Abzuwarten bleibt, inwieweit nun auch die Regulierungsbehörden in Europa und den USA ihre Meinung zum Thema Netzneutralität ändern.

* Jürgen Hill ist Redakteur der Computerwoche.

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