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01.10.2010 Michaela Holy

Ich 2.0 – Identität im digitalen Zeitalter

Mit Fragen wie "Inwieweit braucht man eine Web-Identität?" setzte sich der Medienwissenschaftler und Keynote-Speaker Geert Lovink bei der ersten Veranstaltung der Diskussionsreihe twenty.twenty im ORF RadioKulturhaus auseinander.

Wann ist man „jemand“ im Web? Ist die digitale Identität eine andere als die Identität im realen Leben? Hat man nur eine Identität und nimmt online nur eine andere Rolle ein? Und inwieweit braucht man eine Web-Identität? Mit diesen Fragen setzte sich der Medienwissenschaftler und Keynote-Speaker Geert Lovink bei der ersten Veranstaltung der Diskussionsreihe twenty.twenty im ORF RadioKulturhaus auseinander. Mit ihm diskutierten die Journalistin Ingrid Brodnig und Georg Russegger, Kultur- und Kommunikationswissenschaftler sowie Haupt-Koordinator des Festivals „Coded Cultures“. Im Rahmen der regelmäßigen Veranstaltungsreihe twenty.twenty sollen mögliche Zukunftsszenarien erörtert, entworfen und diskutiert werden.

„Bis 2020 wird Facebook möglicherweise verschwunden sein, das ist ein ganz natürlicher Prozess der Netzkultur, wiewohl soziale Netzwerke an sich weiterhin an Bedeutung gewinnen“, so der Blick in die Zukunft von Geert Lovink in seiner Keynote Speech. Die erste Diskussionsrunde zu twenty.twenty „Ich 2.0 – Identität im digitalen Zeitalter“ ging gestern Abend im ORF Kulturcafe vor allem der Frage nach der Identität im digitalen Zeitalter nach – insbesondere im Kontext von Facebook und Twitter. Vieldiskutiert wurde auf und abseits des Podiums die Frage, ob sich Online-Identitäten im Kontext des jeweiligen Social Network formen. „Wie beeinflusst die Struktur eines sozialen Netzwerks unsere Identität in diesem Netzwerk? Wie wirkt sie sich darauf aus, wie wir kommunizieren, was wir kommunizieren und mit wem?“ waren prägende Fragen des Abends.

Geert Lovink eröffnete die Diskussion mit einer Bestandsaufnahme zum Thema und zeigte die Entwicklung von den 90er-Jahren, die für ihn geprägt waren durch den Mythos der unendlichen Identitätsmöglichkeiten im Netz, bis hin zum Zeitalter Web 2.0. auf, in dem er den Wunsch der User nach einer „einheitlichen“ Kultur verortet. Den Erfolg von Social Networks sieht Lovink vor allem darin begründet, dass sie das Bedürfnis der User, sie selbst zu sein, verstanden haben.

Für Lovink ist die Definition von Identität eine technische. „In der digitalen Welt beginnt alles mit Username und Passwort. Unser soziales Leben ist komplex, wir haben Eltern, Kollegen, Kinder, Freunde und Bekannte – nicht alle Menschen bezeichnen wir als „Freunde“. Das ist ein sehr amerikanisches Konzept. Eng verknüpft sind damit die Fragestellungen rund um Privacy und Authentizität im Netz. Künftig werden wir offizielle und informelle Accounts pflegen. Es werden neue soziale Plattformen entstehen, die diese soziale Komponente deutlicher ausdifferenzieren, so die Meinung Lovinks. Vor allem im Plenum war dazu die Meinung, dass 2020 die gesellschaftliche Toleranz für Partyfotos und offenherzige Statusmeldungen steigen wird.

„Das Gedankenmodell Identität ist streng genommen unwesentlich und muss erst in den Verbindungen und Verbindlichkeiten zur Welt entworfen werden“, so Georg Russegger. Mit Blick auf 2020 kommt er zum Schluss: „Soziale Netzwerke müssen Kooperationen ermöglichen. Das Prinzip der Kooperation und Kommunikation hat Bestand“. Lovink trat zudem in der Diskussion dafür ein, dass dazu die offene Infrastruktur des Internets aktiv verteidigt werden muss. Einig waren sich die Diskutanten, dass eine Unterscheidung zwischen On- und Offline-Identität nicht gegeben ist. „Eine Trennung ist absurd! Die Grenzen verschwimmen immer mehr und Wechselwirkungen sind offensichtlich“, so Ingrid Brodnig.

Rund 60 Gäste, die sich die limitierten Tickets hatten sichern können, nahmen an der von Martin Mühl, Chefredakteur The Gap, moderierten Diskussion teil. Die Online-Community war via Livestream dabei und diskutierte über Facebook, Twitter, E-Mail und Blogposts mit.

twenty.twenty ist eine gemeinsame Veranstaltungsreihe von A1 Telekom Austria und The Gap. In regelmäßigen Abständen wirft sie brennende Fragen der Gegenwart auf und beschränkt sich mit möglichen Antworten nicht auf die kommenden zwei, drei Jahre. Nachgedacht wird über die „mittelferne“ Zukunft, konkret das Jahr 2020.

„Mit twenty.twenty haben wir ein Diskussionsformat geschaffen, das Raum für Zukunftsfragen bietet und wo wir gemeinsam an Szenarien arbeiten wollen, wie Leben und Arbeiten mit neuen Technologien aussehen kann“, beschreibt Werner Reiter, Pressesprecher A1 Telekom Austria, die Motivation für twenty.twenty. Bereits vor 10 Jahren ist es der Mobilfunkbranche gelungen, griffige Zukunftsszenarien zu entwickeln, wie die Welt dank mobilem Internet aussehen wird. Werner Reiter: „Jetzt Visionen und Machbares für die Datenautobahn der Zukunft mit technologieaffinen Usern und Early Adopters sowie der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren, ist unsere Intention für twenty.twenty.“

„Das Magazin The Gap versteht sich als Plattform, auf welcher aktuelle Entwicklungen und Hypes nicht nur oberflächlich durchgeschleust werden. Stattdessen geht es The Gap darum, Trends nicht nur als solche zu erkennen, sondern auch Zusammenhänge herzustellen und weiterzudenken. Die Wahrnehmung ist eine dabei bewusst breite: Neben (Pop-)Kultur widmet sich The Gap auch dem weiten Feld der Medien, der IT, Creative Industries sowie wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Tendenzen. twenty.twenty ist – als gemeinsame Initiative mit A1 Telekom Austria – der logische nächste Schritt, den Diskurs zu diesen Themen nicht nur gedruckt im Magazin zu führen“, so Thomas Weber, Herausgeber The Gap, zum neuen Diskussionsformat. Und ergänzt: „twenty.twenty denkt in allen relevanten Kanälen der Gegenwart nach über die Welt von morgen, im sozialen Netz, im mobilen Alltag und im Rahmen von konkreten, auch zeitlich dingfest zu machenden Veranstaltungen. The Gap ist ein Magazin für Glamour und Diskurs. twenty.twenty ist Diskurs 2.0.“

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