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18.01.2011 pte

Wikipedia: Raue Sitten schrecken ab

Die alten Kern-User sind eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Umgangston oft eher rau ist, so Thomas Roessing vom Institut für Publizistik der Universität Mainz.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia feierte kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen. Um sich für das nächste Jahrzehnt zu rüsten, will das Projekt neue und mehr weibliche Autoren gewinnen. Doch ist das Bearbeiten von Beiträgen zu kompliziert und ein einfacheres Interface nötig, so Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gegenüber BBC News. Fraglich ist allerdings, ob das wirklich die wesentliche Hürde für Neueinsteiger ist.

"Die alten Kern-User sind eine eingeschworene Gemeinschaft, deren Umgangston oft eher rau ist", erklärt Thomas Roessing, Vertreter der Professur für Medienkonvergenz am Institut für Publizistik der Universität Mainz, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur pressetext. Das kann Interessenten ebenso verschrecken wie undurchschaubare Organisationsstrukturen und der mittlerweile hohe Qualitätsanspruch. Das Interface-Problem erscheint also als vergleichsweise leicht lösbares Teilproblem.

WORD ALS VORBILD Derzeit hat das Bearbeitungsinterface der Wikipedia klare Schwächen. "Die Formatierungen sind teils sehr kompliziert", meint der Medienexperte. So erfordert das Fettstellen spezielle Anweisungszeichen, die noch dazu nicht mit eventuell bekannten Befehlen aus HTML übereinstimmen. Wales deutet indes an, dass die Enzyklopädie in Zukunft eher in Richtung "What You See Is What You Get"-Interface gehen wird. Das ist im Jahr 2011 keine große technische Hürde mehr, vereinfacht den Zugang aber deutlich. "Die meisten Menschen können einen Texteditor wie Word nutzen", erklärt Roessing.

Mehr Schreiber bedeuten freilich potenziell auch mehr unqualifizierte Änderungen. Das ist aber kein großes Problem mehr. "Wenn heute jemand einfach eine Meinung in einen Artikel schreibt, wird das meist binnen Minuten gelöscht", erläutert der Medienwissenschaftler. Denn gerade die englische und deutsche Wikipedia haben mittlerweile einen klaren Qualitätsanspruch. Für große Änderungen gibt es Diskussionsseiten, zudem werden Quellennachweise auf Expertenpublikationen oder Medien gefordert. "Das Hauptproblem ist, dass der Umgangston mit mehr Autoren vielleicht noch unfreundlicher wird", meint Roessing.

HARTE WORTE Dabei ist der Umgangston zwischen Schreibern bereits jetzt ein Problem. Denn alteingessene Onliner schmettern Änderungen teils mit harten Worten wie "Der Müll muss raus!" ab. "Das schreckt User ab, die nicht im Internet, beispielsweise im Usenet, sozialisiert wurden", warnt der Medienexperte. Zudem kritisiert Roessing die Organisationsstruktur der Online-Enzyklopädie. "Man sucht meiner eigenen Erfahrung nach als Neuling sehr lange nach den richtigen Informationsseiten oder Ansprechpartnern bei Problemen."

Auch der Erfolg des Projekts macht Einsteigern das Leben schwer. "Es gibt somit kaum noch Themenfelder, die ein Durchschnittsuser bearbeiten kann", erläutert der Medienfachmann. Das wird durch die gestiegenen Qualitätsanforderungen noch verschärft. "Wer nicht ein passendes Proseminar an der Universität besucht hat, kann inhaltlich kaum mehr mitarbeiten", sagt Roessing. Doch sind neue Autoren für das neue Jahrzehnt unerlässlich. "Wikipedia braucht sie, um den gewaltigen Artikelstand zu pflegen", so der Experte. Schon jetzt lassen Aktualisierungen nämlich teils sehr lange auf sich warten. (pte)

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