IPv6 - Die Zukunft des Internets Detail - Computerwelt

Computerwelt: Aktuelle IT-News Österreich


26.01.2011 Jürgen Hill*

IPv6 - Die Zukunft des Internets

Warten oder auf IPv6 migrieren? Diese Frage stellt sich für viele Unternehmen, wenn im Februar die letzten IPv4-Adressblöcke zugeteilt werden.

Es ist die Basis des Internets, andernfalls gäbe es kein Google, kein Facebook, keine Videkonferenzen, keinen E-Mail-Verkehr - das Internet Protocol in der Version 4, kurz IPv4. Doch der Jubilar, der 2011 sein 30-jähriges Jubiläum feiert (1981 im RFC 791 definiert), droht ein Opfer seines eigenen Erfolgs zu werden. In einer Zeit, in der immer mehr Handys online gehen, Stromzähler im Zuge der Smart Grids vernetzt werden oder das intelligente Haus langsam Realität wird, gehen IPv4 die Adressen aus, um diese Devices und Rechner im Netz erreichbar machen zu können. Ähnlich wie Hausnummern und Postleitzahlen ermöglichen es die mehr als vier Milliarden IP-Adressen, dass die Geräte im globalen Netz eindeutig angesprochen werden können. Abhilfe könnte das neue Internet Procol in der Version 6, IPv6, schaffen, denn es umfasst rund 340 Sextillionen (2 hoch 128) Adressen, womit sich nun wirklich jede Kaffeemaschine, wenn nicht gar jedes Sandkorn rund um den Globus, mit einer Adresse ausstatten lassen sollte. Neu ist IPv6 in Wirklichkeit nicht, es hat bereits 15 Jahre auf dem Buckel, reift aber erst jetzt zur Praxistauglichkeit heran.

Den letzten IPv4-Adressblock, so der Stand während der Recherchen zu diesem Artikel, wird die für die globale Vergabe zuständige Internet Assigned Numbers Authority (IANA) wohl am 10. Februar 2011 an die regionalen Registrierungsorganisationen (für Europa ist RIPE zuständig) vergeben (www.potaroo.net/tools/ipv4). Andere Kenner der Szene rechnen damit, dass diese abschließende Zuteilung bereits am 1. Februar 2011 erfolgt. Danach ist Schluss, zusammenhängende öffentliche Adressblöcke wird es dann nicht mehr geben. "Wer bis dahin nicht auf das neue IPv6-Protokoll umgestellt hat, steht möglicherweise im Regen", warnt Michael Rotert, Vorstandsvorsitzender beim eco, dem Verband der deutschen Internetwirtschaft. Welche Konsequenzen die Adressknappheit bereits hat, erzählte uns ein Praktiker: Im Kundenauftrag sollte er für eine geplante Unternehmensexpansion an mehreren Standorten einen zusammenhängenden IP-Adressblock reservieren. Er bekam aber keinen mehr. Jetzt muss das Unternehmen mit gesplitteten Adressräumen leben, was Routing und Netz-Management nicht unbedingt vereinfacht und damit höhere Kosten verursacht.

ALLES NUR PANIKMACHE? Werden die Adressen wirklich knapp, oder ist alles nur Panikmache? Gegner des neuen Internet Protocol v6 verweisen in diesem Zusammenhang gerne darauf, dass das Problem der Adressknappheit doch bereits hervorragend mit NAT gelöst sei. Bei der Network Adress Translation werden innerhalb eines Unternehmensnetzes private IP-Adressen verwendet, die jedoch im öffentlichen Internet - vereinfacht ausgedrückt - nicht sichtbar sein dürfen. Deshalb werden die internen Adressen am Übergang zum Internet in eine offizielle IPv4-Adresse übersetzt. Das Unternehmen benötigt so nur eine einzige, offiziell registrierte IP-Adresse. Zudem führen IPv6-Skeptiker gerne das Argument an, dass IPv6-Adressen im Internet bisher kaum genutzt würden, so dass die Entscheider in den Unternehmen noch viel Zeit hätten und deshalb abwarteten.

IPV6 HAT WENIG CHARME Die Zurückhaltung der Unternehmen erklärt sich Jürgen Zimmermann, Projektleiter IP-Einführung bei der Telekom Deutschland GmbH, unter anderem auch damit: "Die Einführung von IPv6 über Dual-Stack-Anschlüsse mag für manche Geschäftskunden einen ähnlichen Charme haben wie früher die Umstellung von der vier- auf die fünfstellige Postleitzahl. Wenn jedoch in diesem Jahr die letzten IPv4-Adressen vergeben werden, ist IPv6 die mittel- bis langfristige Voraussetzung dafür, dass die Web-Angebote aus dem gesamten Internet erreicht werden können."

Zudem dürfte in den nächsten Jahren der Bedarf an IP-Adressen drastisch steigen, wenn etwa für die rund 40 Millionen Haushalte in Deutschland die von der EU vorgeschriebene (Strom-)Zählerfernauslesung realisiert werden soll. "Dies ist jedenfalls nur über IPv6-Adressen zu realisieren", ist Zimmermann überzeugt, "zusammen mit der wachsenden Zahl an M2M-Anwendungen (etwa für Hausautomatisierung und Security-Anwendungen) wird ein Haushalt in den nächsten Jahren zwischen 50 und 500 direkt aus dem Netz adressierbare IP-Adressen benötigen."

NAT IST KEINE LÖSUNG Für Zimmermanns Argument der direkten IP-Adressierung spricht noch ein anderer Aspekt, den die IPv6-Kritiker oft unterschlagen: NAT ist eigentlich eine Krücke, die dem Grundprinzip des Internets widerspricht. Ein zentrales Designprinzip von IP und Internet war der Gedanke des Ende-zu-Ende-Prinzips: Nur die Endgeräte des Netzes sollten aktive Protokolloperationen vornehmen, während alle anderen Komponenten (wie Router) dazwischen die Datenpakete lediglich transparent weiterleiten und deshalb eindeutig adressierbar sein müssen.

Gegen dieses Prinzip verstößt IPv4 in Kombination mit NAT, denn die so angeschlossenen Rechner können nicht ohne weiteres aus dem Internet direkt angesprochen werden. Ein Umstand, der bei Protokollen und Services wie FTP, SIP oder IPsec, die auf den oberen Netzschichten aufsetzen, immer wieder zu Problemen führt und mehr oder weniger zuverlässig Workarounds erfordert. Allerdings sind sich Hersteller, Carrier und Service-Provider in Gesprächen mit der Computerwoche auch einig, dass derzeit in Sachen IPv6-Migration kein Anlass zur Panik besteht. "Noch gibt es die Killerapplikation für IPv6 nicht", führt etwa Alexander Pilger, Senior Consultant bei Controlware, aus. Gleichzeitig warnen die IT-Hersteller aber davor, das Thema ähnlich wie bei der Jahr-2000-Problematik auf die lange Bank zu schieben. Unisono geht man davon aus, dass größere Unternehmen für eine IPv6-Migration mit einem Projektrahmen von 15 bis 18 Monaten rechnen müssen. "Zudem könnte in etwa einem Jahr, wenn der Schuh zu drücken beginnt", so gibt Pilger zu bedenken, "qualifiziertes IPv6-Beratungs-Know-how ein knappes Gut werden." Deshalb raten eigentlich alle Befragten, sich bereits heute vorzubereiten, um für den Tag x gewappnet zu sein.

MIGRATIONS-CHECKLISTE Steffen Jansen, Trainer und Consultant bei Fastlane, hat in Sachen Migrationsnotwendigkeit eine einfache Checkliste parat (siehe Interview auf Seite 18): Demnach sollte sich mit einer Migration auf IPv6 beschäftigen, wer zwei der folgenden drei Kriterien innerhalb der nächsten drei Jahre für sein Unternehmensnetz nicht sicher ausschließen kann:

• weltweite Vernetzung mit Business-Partnern und eigenen Standorten insbesondere im asiatischen Raum, • höherer Stellenwert von Peer-to-Peer-Anwendungen • und Compliance-Zwänge.

Auch Axel Föry, bei Cisco im Rahmen des Borderless Networking für IPv6 zuständig, rät Unternehmen, nicht einfach zu migrieren, sondern sich die Frage zu stellen, was es für ihr Business bedeuten kann, wenn sie nicht IPv6-bereit sind. Föry zufolge steht zumindest in den großen deutschen Unternehmen 2011 die IPv6-Technik auf der Agenda, "und es kann für Partner, Zulieferer oder Kunden teuer werden, wenn sie nicht vorbereitet sind und plötzlich in ihren Geschäftsbeziehungen per IPv6 kommunizieren müssen".

Diesen Artikel

Bewertung:

Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.
  Sponsored Links:

IT-News täglich per Newsletter

E-Mail:
Weitere CW-Newsletter

CW Premium Zugang

Whitepaper und Printausgabe lesen.  

kostenlos registrieren

Aktuelle Praxisreports

(c) FotoliaHunderte Berichte über IKT Projekte aus Österreich. Suchen Sie nach Unternehmen oder Lösungen.

Zum Thema


Hosted by:    Security Monitoring by: