"Wir haben die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen" "Wir haben die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen" - Computerwelt

Computerwelt: Aktuelle IT-News Österreich


28.08.2012 Rudolf Felser

"Wir haben die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen"

Gerhard Laga ist Leiter des WKÖ E-Center, das sämtliche "E-Aktivitäten" der Wirtschaftskammer Österreich bündelt. Die Schwerpunkte liegen unter anderem in der Organisation des E-Day und der Telefit-Shows, die sich mit aktuellen Entwicklungen in der IKT befassen, aber auch in der Herausgabe der Social Media Guidelines, die insbesondere KMU bei ihren ersten Schritten im Social Web unterstützen sollen. Aktuell wird – mit Unterstützung der Community – an der Version 4.0 der Guidelines gearbeitet.

© WKÖ/Wilke

Seit wann gibt es die Social Media Guidelines der WKÖ?

Ende 2009 kam die erste Version heraus. Die Version 2.0 folgte ein halbes oder dreiviertel Jahr später. Es war klar, dass das kein statisches Thema ist, und sich die Plattformen immer weiterenwickeln – und auch wir dazulernen. Das Interesse war sehr groß.

Richten Sie sich damit nur an KMU?

Die aktuelle Version 3.0 haben wir mit Capgemini weiterenwickelt, sie richtet sich auch an größere Unternehmen. Was KMU betrifft haben wir eigenes Knowhow, Capgemini ist bei großen Unternehmen gut aufgestellt. Es sind drei neue Tipps hinzugekommen. Die Änderungen von 2.0 auf 3.0 sind wesentlich größer als von 1.0 auf 2.0 – wir wollten die Guidelines auch größeren Unternehmen anbieten können.

Hat sich an den Empfehlungen der Guidelines seit der ersten Version etwas Grundlegendes geändert?

Die Nutzerzahlen von Social Networks haben in der Zeit stark zugenommen, mittlerweile stagnieren sie eher – wenn ich an Facebook denke. Einerseits hat Facebook mehr Aggregationskraft gewonnen, andererseits sind auch andere Plattformen auf den Zug aufgesprungen. Wir haben versucht, die Guidelines auch für größere Unternehmen spannender zu machen und dabei die Zielgruppe KMU bewusst aus dem Fokus verloren. Was die Tipps betrifft zeigt die Geschichte, dass wir nicht schlecht gelegen sind. An den Empfehlungen hat sich nicht viel geändert.

Aktuell rufen Sie deutlicher als früher die Community zur Beteiligung an den Guidelines auf. Warum jetzt?

Wir haben in der Fabasoft Folio Cloud die richtige Plattform gefunden. Wir haben immer schon via Mail zu Feedback aufgerufen. Wir wollten diesen Prozess transparenter machen, damit jeder sein Statement öffentlich abgeben kann. Wir wollen so auch bewusst zur Diskussion anregen. Wir wissen, dass wir nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben. Es soll sich ein Innovationskreislauf entspinnen. Die Community kann bis Ende des Jahres Feedback geben, daraus wird die Version 4.0 – und dann kann man wieder Feedback abgeben. Quasi "Crowd Thinking".

Sie sagen, Unternehmen sollten sich auf jeden Fall ins Social Web stürzen, lieber unüberlegt als überhaupt nicht. Stimmt das?

Ich glaube das Wesentliche – fern von jeder Technologie und Plattform – ist, dass sich die Art der Kommunikation verändert. Sozialen Medien bedeuten 1-to-1-Kommunikation. Selbst wenn Facebook den Bach runtergehen sollte und Xing und Linkedin nicht mehr da sind – was unwahrscheinlich ist – bleibt diese Art der Kommunikation bestehen. Man kann natürlich versuchen da durchzutauchen. Aber die Frage ist, ob das helfen wird. Ich glaube nicht. Kleine Unternehmen, die immer schon persönlich kommuniziert haben, haben hier Vorteile. Schwerer haben es da große Unternehmen. In sozialen Medien zeigt sich die Macht des Einzelnen, das sollten alle Unternehmen bedenken. Ich habe nicht gemeint, dass jedes Unternehmen auf Facebook sein muss. 

Es geht also darum, sich mit den neuen Medien auseinanderzusetzen, und nicht unbedingt darum aktiv zu werden?

Ja. Man sollte sich mit den geänderten Kommunikationsmöglichkeiten beschäftigen. Wenn ich etwa an Second Life und andere virtuelle Welten denke ist der Hype vorbei und die Welt hat sich nicht grundlegend verändert. Aber bei Facebook und anderen sozialen Medien ist das anders – auch wenn man natürlich sagen kann, dass es das in Form von Newsgroups immer schon gegeben hat. Es hat sich tatsächlich etwas in der Kommunikation verändert, und das wird bleiben – egal ob es Facebook, Google+ oder sonstwie heißt.

Wie sollten KMU in Social Networks starten?

Der erste Schritt wäre es mit den Mitarbeitern zu reden, ob sie schon Erfahrungen in Social Networks haben, und mit ihnen eine Bestandsaufnahme zu machen ob Kunden in den sozialen Medien bereits über das Unternehmen kommunizieren – zum Beispiel ob es einen foursquare-Checkin gibt. Dann sollten sie überlegen ob es nicht branchenspezifische Plattformen gibt, die enger sind als Facebook. Zum Beispiel taucher.net wenn man ein Tauchbedarfgeschäft hat. Man sollte Streuverluste nach Möglichkeit vermeiden. Man kann natürlich auch auf Facebook das selbe posten wie auf der spezialisierten Plattform. Das wichtigste ist zu wissen, dass es nicht nur Facebook gibt. Außerdem sollte man überlegen, was man überhaupt will, und sich Ziele setzen. Beispielsweise ob man Mitarbeiter suchen oder Neukunden generieren oder Kundenbindung betreiben will.

Ist die Awareness für Social Networks bei österreichischen KMU mittlerweile weit genug fortgeschritten?

Am Anfang haben sich viele aus Neugier registriert sowie um den eigenen Namen zu schützen. Jetzt ist das Interesse an der professionellen Nutzung stärker. Auch bei unseren Veranstaltungen, wie der Telefit-Roadshow und dem E-Day, steigt das Interesse an diesem Thema.

Das Gespräch führte Rudolf N. Felser.

ZUR PERSON

Dr. Gerhard Laga schloss 1996 sein Studium am Juridicum der Uni Wien ab. Während seines Doktorratstudiums verbrachte er ein Semester am Norwegian Research Center for computers and law. 1998 dissertierte er zum Thema "Rechtsprobleme im Internet". Von 1998 bis 2001 war er Mitarbeiter der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) und beschäftigt sich hauptsächlich mit rechtlichen und wirtschaftspolitischen Fragen, die aus der Anwendung der Informationstechnologie entstehen. Von Oktober 2001 bis September 2003 war er als nationaler Experte in der EU-Kommission, Generaldirektion Binnenmarkt in Brüssel tätig. Seit Mai 2004 leitet er das E-Center der WKÖ, das sämtliche "E-Aktivitäten" der WKÖ koordiniert und unterstützt. Von 2004 bis 2010 war er Geschäftsführer von AUSTRIAPRO, seit 2010 Vorstand und AUSTRIAPRO Arbeitskreisleiter E-Billing.

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