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Von Prosumern und schlauen Netzen

Dezentrale Versorgung, flexible Tarife, virtuelle Kraftwerke: Nicht zuletzt durch den Atomausstieg und den massiven Ökostromausbau muss das Energiesystem auf neue Beine gestellt werden.

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Dezentrale Versorgung, flexible Tarife, virtuelle Kraftwerke: Nicht zuletzt durch den Atomausstieg und den massiven Ökostromausbau muss das Energiesystem auf neue Beine gestellt werden. Smart Meter, also intelligente Stromzähler, die bis 2019 jeder österreichische Haushalt bekommt, sind da erst der Anfang. In Zukunft könnten sich Waschmaschine und Heizung via Smartphone dann einschalten lassen, wenn der Strom gerade billig ist oder mit Windenergie betriebene Elektroautos als dynamische Energiespeicher fungieren.

Dahinter stehen die sogenannten Smart Grids (intelligente Stromnetze), die Energieerzeuger, -verteiler und Haushalte miteinander vernetzen und den Stromfluss bedarfsorientiert steuern können. Nötig macht dies vor allem der Ausbau von Windkraft und Co, der momentan die Netze belastet, da das Energieaufkommen schwer vorhersehbar ist. Versorger müssen derartige Schwankungen wieder ausgleichen. Dabei können auch die Konsumenten helfen, die zum Beispiel mit ihren Photovoltaikanlagen selbst zu Produzenten werden ("Prosumer").

Sogar E-Autos können als Abnehmer und Zwischenspeicher von Windenergie fungieren, wie ein Pilotprojekt auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm zeigt. Bornholm verfügt mit seinen knapp 600 Quadratkilometern Fläche und 41.000 Einwohnern über einen großen Windpark, der fast ein Viertel des Gesamtstroms der Insel liefert, und einem klar abgegrenzten Stromnetz - eine ideale Testumgebung also, erläuterte Dieter Gantenbein, Projektleiter bei IBM Research Zürich. Der US-Technologiekonzern IBM forscht seit 2009 im Konsortium mit anderen Unternehmen, u. a. Siemens, am Vehicle-to-Grid-Prinzip: Die Besitzer von Elektroautos stellen dem Netzbetreiber einen Teil ihrer Batteriekapazität zur Verfügung. Generieren die Windräder zu wenig Strom, fließt eine festgelegte Menge ihrer Batterieladung als Regelenergie zurück ins Netz.

Ein anderes IBM-Projekt, bei dem der Endverbraucher eingebunden wird, läuft in der Bretagne (Frankreich). Edelia, eine Tochter des Energiekonzerns EdF, hat dort Haushalte mit Sensoren und intelligenten Messgeräten ausgestattet. Die Kunden sehen Details zu ihrem Energieverbrauch zeitnah im Internet und können Strom sparen - mit der Einführung der Smart Meter in Österreich bis 2019 werden dies auch die heimischen Stromkonsumenten tun können. Die französischen Kunden erlauben dem Betreiber aber zusätzlich, zu nachfragestarken Zeiten den Strom etwa für die Heizung abzudrehen. "Wenn die Heizung in einer Stunde zehn Minuten nicht läuft, ist das für die Kunden nicht so schlimm", sagte Jean-Paul Chobert von IBM bei einem Vortrag im IBM-Forschungszentrum La Gaude bei Nizza (Südfrankreich) vor österreichischen Journalisten. Die Endverbraucher hätten zwar eine Einspruchsmöglichkeit, hätten die Abschaltung aber in 85 Prozent der Fälle akzeptiert.

In Kürze können Stromkunden wohl mit neuen Tarifmodellen rechnen, die auf ihrem Verbrauch basieren - zum Beispiel Flatrates oder pay per use, sagte Christian Leichtfried von IBM Österreich. "Es geht darum, grüne Energie besser zu nutzen." Basis dafür bildeten die intelligenten Stromzähler. "Wir sehen in IBM-Smart-Metering-Projekten weltweit, dass intelligente Netze privaten Verbrauchern helfen, rund zehn Prozent Strom zu sparen und die Last zu Spitzenzeiten um bis zu 15 Prozent zu reduzieren." IBM habe weltweit schon etwa 80 Millionen schlaue Stromzähler installiert. Beim Smart Metering hätten momentan USA und Asien, speziell Japan, die Nase vorne. In Kalifornien seien schon fast alle Haushalte mit einem digitalen Stromzähler ausgestattet, sagte IBM-Experte Douglas Scheller. Und in Australien, so Leichtfried, sei das Übertragungsnetz schon quasi zur Gänze schlau (Smart Grid).

Hinauslaufen wird das alles auf Smart Homes, Haushalte also, in dem alle Geräte miteinander vernetzt sind und sich dann und wann schon mal automatisch ein- oder ausschalten - wenn der Strom gerade billig ist respektive zu wenig elektrische Energie im Netz ist. Die Steuerungsgeräte müssten aber freilich "so intelligent sein, dass die Waschmaschine nicht in der Nacht zum Schleudern beginnt", sagte Leichtfried. Er rechnet mit derartigen Lösungen bereits in zehn bis 15 Jahren, die Industrie arbeite jedenfalls schon seit Jahren intensiv daran.

Google beispielsweise, so Leichtfried, denke darüber nach, Strom zu "verschenken": Wer Google erlaube, seine Stromverbrauchsdaten via Smart Meter im Sekundentakt auszulesen, bekomme im Gegenzug elektrische Energie. Was der Suchmaschinenriese davon hat? Mithilfe der Stromverbrauchsdaten wolle Google versuchen zu erkennen, welche Geräte ein Haushalt besitzt ("Wasser hineinpumpen, Wasser erwärmen, es ist eine Miele-Waschmaschine!"). Dieses Wissen wolle Google dann weiterverlaufen - etwa an Haushaltsgerätehersteller - und damit den "Gratisstrom" finanzieren. Im Grunde handle es sich um eine Weiterentwicklung von Googles ursprünglichem Geschäftsmodell. "Sie brauchen 17 Suchanfragen um zu erkennen, dass Sie Sie sind. Das schenke ich Google, dafür kann ich gratis suchen", so Leichtfried. IBM betreibt in La Gaude bei Nizza bereits seit 1961 ein Forschungszentrum mit derzeit rund 1.000 Mitarbeitern, Schwerpunkt liegt auf dem Energiesektor.

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