"Wir brauchen mehr Digitales Bewusstsein" "Wir brauchen mehr Digitales Bewusstsein" - Computerwelt

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30.10.2014 :: Printausgabe 22/2014 :: Oliver Weiss

"Wir brauchen mehr Digitales Bewusstsein"

Egal ob es um die Nutzung sozialer Medien, um IT-Security oder um die Bedeutung der IT-Branche für den Wirtschaftsstandort Österreich geht: Die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft birgt enormes Potenzial, aber auch Gefahren.

Roman Biller, Unisys

Roman Biller, Unisys

© Unisys

Obwohl IT unsere Zukunft massiv verändern wird, fehlt es Roman Biller, Geschäftsführer von Unisys Österreich und Mitinitiator des IT-Aktionstages, zufolge in Österreich an digitalem Bewusstsein. Und zwar auf allen Ebenen: auf Regierungsebene, in Unternehmen und bei Privatpersonen.

Warum ist die Entstehung eines digitalen Bewusstseins so wichtig?
Roman Biller:
Unter den Top-300-Unternehmen Europas finden Sie elf IT-Unternehmen. In den Top 100 ist überhaupt nur ein Technologieunternehmen vertreten, die Telkos einmal weggelassen. Das ist in Amerika und Asien ganz anders. IKT ist ein Querschnittsthema und kommt inzwischen in jeder Branche vor. Da steckt enormes Potential drinnen, aber auch Gefahren. Man sollte daher unbedingt ein digitales Bewusstsein haben und dieses Bewusstsein auch schulen und fördern. Das ist auch einer der Gründe, warum wir gemeinsam mit der Stadt Wien den IT-Aktionstag ins Leben gerufen haben.

Warum ist dieses Bewusstsein zu wenig vorhanden?
Die Wiener IKT-Branche ist heimlich, still und leise zum größten Wirtschaftszweig der Stadt gewachsen. Und zwar größer als der Tourismus, der in diesem Land ja sehr erfolgreich ist. Wir haben aber kaum eine mediale Wahrnehmung in der breiten Masse. Auf der einen Seite fehlen der Branche drei- bis viertausend qualifizierte Nachwuchskräfte und auf der anderen Seite sprechen wir nicht darüber. Die Folge ist, dass Hochschulabsolventen in andere Industriezweige und in andere Länder abwandern. Aus meiner Sicht besteht derzeit die Riesenchance, sich da zu repositionieren. Denken wir zurück, was in Österreich damals nach dem Weinskandal in der Weinbranche passiert ist. Die haben sich neu erfunden und auf einen gemeinsamen Tenor gesetzt: Qualität.

Und das würden Sie sich auch für die IT-Branche wünschen?
Genau. Es gibt in der IT Sourcing of Costs, Sourcing of Innovation und Sourcing of Quality. Sourcing of Costs werden sie mit den Lohnnebenkosten und dem Gefüge in Österreich nicht attraktiv machen können, wenn es 40 Kilometer entfernt Bratislava gibt. Unisys zum Beispiel hat in Budapest 600 Leute und in Österreich 160. Die 160 Mitarbeiter in Österreich haben aber einen ganz anderen Skill-Level. Worauf ich hinaus will ist: Die Unternehmen, bei denen es um Sourcing of Costs geht, sind abgewandert oder wandern ab. Bei Sourcing of Innovation gibt es in Österreich durchaus Nischen und auch mehr Erfolgsgeschichten als man glaubt. Aber in der Breite, als gemeinsamen Tenor, würde ich eine Repositionierung Richtung Sourcing of Quality vornehmen. Weil wir über hochwertige Leute verfügen und weil das die einzig richtige Antwort sein kann, um der Abwanderung von Arbeitsplätzen in den Osten zu begegnen.

Wie äußert sich das Fehlen eines digitalen Bewusstseins?
Zum Beispiel wird das Thema Security in Österreich massiv unterschätzt. Wenn Sie sich mit Brancheninsidern unterhalten, egal ob Hersteller oder Kunden, dann dürften die Security-Investitionen bei etwa zwei bis fünf Prozent des Budgets liegen. In der Schweiz zum Beispiel ist das ein größerer zweistelliger Betrag. Das ist ein deutlicher Unterschied. Da spielt auch die Kultur mit und wenn Sie eine "es wird schon nichts passieren"-Kultur haben, dann ist das mit Sicherheit ein Problem.

Haben die Enthüllungen von Snowden und Geheimdienstskandale da nicht gereicht, um Bewusstsein zu schaffen?
Wissen Sie, was mich an Snowden und Co. wirklich geschockt hat? Die Reaktion der Anwenderunternehmen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass wir in diesem Ausmaß abgesnifft werden, aber ich war mir sicher, dass jetzt die Awareness kommt und endlich etwas getan wird. Doch die Reaktion vieler österreichischer Unternehmen war: Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt,  um über Security zu sprechen. Das hab ich aus einigen Ecken gehört. Und dann versucht man meistens, sich unter dem Thema wegzuducken, bis es an Aktualität verliert. Das ist eine grundsätzlich falsche Einstellung, die mich sehr schockiert hat.

Was muss passieren, damit in diesem Bereich etwas getan wird?
Wann machen Sie typischerweise die erste Datensicherung? Wenn Ihnen das erste Mal eine Festplatte gecrasht ist, oder Ihnen ein Notebook gestohlen wurde. Security ist ein Thema, das von vielen Menschen als Versicherung angesehen wird. Das ist eine Geisteshaltung, die ich kommerziell irgendwie nachvollziehen kann, denn schließlich stehen wir vor den größten Kostensenkungsprogramme in der IKT-Geschichte. Diese Kostensenkungsprogramme führen aus meiner Sicht zu einem Dilemma. Denn wenn Sie in einem signifikanten Ausmaß einsparen wollen, dann müssen Sie an die Substanz gehen.

Und da wird dann bei Security eingespart?
Zumindest wird nicht in dem Maße investiert, das notwendig wäre. Denn dieses Dilemma wird durch den höchsten Mobilitätsgrad in der Geschichte der Menschheit noch potenziert. Dadurch, dass so viele Menschen nicht nur online, sondern auch mobil sind, ist die Zeit bisheriger Security-Konzepte vorbei. Früher hat man wie bei einer Ritterburg ein großes Portal gehabt und geschaut, dass der Angreifer da nicht reinkommt. Alles war auf dieses Tor konzentriert und links und rechts wurde Pech hinuntergeschüttet. Jetzt ist jedes mobile Device ein Portal.
Das heißt, Sie haben auf der einen Seite Kostensenkungsprogramme und auf der anderen Seite Internetkonnektivität und Mobilität, die es noch nie zuvor gab. Das führt dazu, dass Sie in größerem Ausmaß Bedrohungen ausgesetzt sind. Unisys hat eine globale Untersuchung gemacht, bei der knapp 600 Security-Experten aus allen möglichen Branchen gesagt haben, dass sie ihrer Einschätzung nach in den nächsten 24 Monaten Opfer mittlerer bis größerer Attacken werden.

Welche Rolle spielt in dieser Situation das digitale Bewusstsein jedes einzelnen Menschen?
Damit man ein Auto fahren darf, braucht man einen Führerschein, das heißt, Sie haben eine entsprechende Ausbildung genossen, Sie haben ein Erste-Hilfe-Paket dabei, das Auto muss zugelassen sein, es muss eine Prüfplakette oben sein, Sie brauchen eine Haftpflichtversicherung, etc. Bevor Sie als User das Auto verwenden dürfen, sind viele Schritte notwendig. Beim Einsatz von Technologie, bei Smartphones, im Internet ist das ganz anders. Sie sind sofort im Internet und haben in der Regel dafür keinerlei Ausbildung gemacht, nicht einmal einen Crashkurs. Sie bedienen das sofort und anders als beim Auto geben Sie alles über sich preis, wenn sie die neuen Medien in ausreichender Form benutzen wollen.

Und das ist den Menschen nicht bewusst?
Genau. Dadurch, dass die Menschen für die Nutzung der neuen technischen Möglichkeiten nicht geschult werden, verwenden sie diese völlig unreflektiert. Darum sage ich: Man sollte ganz bewusst mit den neuen Medien umgehen. Ich muss mir überlegen, wie ich mich wo verhalte und mir bewusst sein, dass Informationen, die ich ins Netz stelle, nicht irgendwo weg sind. Selbst Google sagt, dass die Schwierigkeit für alle Leute sein wird, die Daten, die man hergibt, auch wieder zurückzubekommen.

Was sollte sich in Österreich Richtung mehr digitales Bewusstsein verändern?
Gerade im Schulsystem könnte man einiges für das digitale Bewusstsein tun. Darüber hinaus sollte es ein Regierungsmitglied geben, das eindeutig und klar für die IKT-Branche steht. So wie in den nordischen Ländern. Wir brauchen auf Regierungsebene starke Signale in diese Richtung, denn die IKT wird die Zukunft massiv verändern. In allen Bereichen. Und wenn wir da überhaupt keinen Schwerpunkt und dazu eine mangelnde Wahrnehmung haben, dann wird das ein furchtbar schlimmer Bumerang werden. Wenn eine Branche vier Mal größer als der Tourismus ist, und niemand weiß es, dann stimmt etwas nicht, dann muss man etwas tun.

Das Gespräch führte Oliver Weiss.


Roman Biller

Roman Biller wurde 1974 geboren, ist verheiratet und Vater eines Sohnes und einer Tochter. Er ist seit 1990 in verschiedenen Positionen für Unisys national und international tätig. Seit 2007 ist Biller Mitglied der Geschäftsleitung von Unisys Österreich, seit 2010 Verkaufsdirektor für Österreich, Ungarn, Tschechien und die Slowakei und seit 2011 Geschäftsführer der Niederlassung in Österreich.

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