Künstliche Intelligenz: Zwischen Euphorie und Verunsicherung Künstliche Intelligenz: Zwischen Euphorie und Verunsicherung - Computerwelt

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Künstliche Intelligenz: Zwischen Euphorie und Verunsicherung

Europa steuert auf eine technologische Lücke zu: Viele Unternehmen investieren erst sehr wenig in Künstliche Intelligenz – einige wenige hingegen sehr viel. Die Folgen für den Wettbewerb können dramatisch sein, wie die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage zeigen.

Unternehmen sehen KI in erster Linie als Chance, ihre Produkte und Services zu verbessern, und weniger, um Kosten zu reduzieren.

Unternehmen sehen KI in erster Linie als Chance, ihre Produkte und Services zu verbessern, und weniger, um Kosten zu reduzieren.

© Christian Lagerek - www.shutterstock.com

Autonom fahrende Autos, digitale Assistenten, selbstlernende Netzwerke: Künstliche Intelligenz (KI) verändert derzeit in vielen Branchen und Fachbereichen die Abläufe. Laut IDC soll der KI-Markt jährlich um rund 55 Prozent wachsen: Von heute acht auf knapp 47 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020.

Nutzen ist eine Frage der Strategie
KI wird nur für jene Unternehmen zum wertvollen Innovations- und Wachstumstreiber, die über eine klare Strategie verfügen. Und das ist nur bei wenigen der Fall. Offenbar schwankt die Stimmung zwischen Aufbruchseuphorie und Unsicherheit. Darauf deutet eine Studie von Tata Consultancy Services (TCS) hin, bei der 835 Unternehmen weltweit befragt wurden, davon 253 in Europa. Vielen Entscheidern fehlen noch die Perspektiven: In welchen Bereichen lässt sich Technologie sinnvoll einsetzen? Welche Szenarien rechnen sich?

Viele Unternehmen zögern noch
Die gute Nachricht zuerst: Die Unternehmen erkennen die Relevanz von Künstlicher Intelligenz – in Europa nutzen 91 Prozent von ihnen die Technologie bereits. Durchschnittlich investierten sie 73 Millionen US-Dollar. Damit liegen sie knapp hinter nordamerikanischen Firmen, die 80 Millionen investierten. Doch es gibt ein großes Aber: Zwischen einzelnen Unternehmen bestehen enorme Unterschiede in der Höhe der Investitionen in Künstliche Intelligenz. Nur 12 Prozent stellten 2016 100 Millionen US-Dollar oder mehr bereit. 58 Prozent dagegen weniger als zehn Millionen und 24 Prozent weniger als eine Million US-Dollar. Auch wenn der Durchschnittswert deutlich darüber lag, betrug der Median 2016 jedoch nur 2,7 Millionen US-Dollar. Das heißt, die Hälfte der Unternehmen liegt jeweils über oder unter diesem Wert.

Im Klartext heißt das: Treiber der Entwicklung sind nur einige wenige Unternehmen, die Pionierarbeit leisten und im großen Stil investieren. Die breite Masse aber zögert noch.

Nachzügler riskieren Marktanteile
Bei neuen Technologien ist es nicht ungewöhnlich, dass viele Firmen sie erst einführen, wenn der Wettbewerb damit bereits erfolgreich am Markt ist und sich Best Practices erkennen lassen. Aber diese Strategie ist im Falle von KI riskant. Sie ist kein bloßer Trend, sondern wird als entscheidend für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen angesehen. Und mit jedem Tag des Abwartens wachsen der Rückstand auf die führenden Firmen und der Druck des Marktes.

Mehrwert statt Einsparungen
Was haben die Vorreiter den Nachzüglern voraus? Die Studienergebnisse legen nahe: Mit steigendem Wissen um die Nutzenpotenziale nimmt auch der Wille zum Handeln zu. Auffällig sind die unterschiedliche Bewertung der Chancen von KI und die damit einhergehenden Ziele.

In der öffentlichen Debatte werden häufig negative Aspekte hervorgehoben, vor allem der Verlust von Arbeitsplätzen durch Prozessautomatisierungen. Unternehmen mit den höchsten Investitionen in die Technologie sehen es aber anders: Sie erkennen KI in erster Linie als Chance, ihre Produkte und Services zu verbessern oder neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Erfolgreiche Early Adopter schaffen Stellen
Unternehmen mit den größten Umsatz- und Kostenvorteilen beabsichtigen, dreimal mehr Jobs auf Basis von KI zu schaffen als jene mit den geringsten finanziellen Verbesserungen. Für erfolgreiche KI-Pioniere liegt der Mehrwert von KI demnach nicht darin, Aufgaben zu automatisieren. Statt Kostenreduktion stehen der Mehrwert für Kunden, höhere Servicequalität und bessere Wettbewerbsfähigkeit im Fokus.

Die Studie lässt also aufatmen: Der von vielen befürchtete massive Verlust an Arbeitsplätzen ist in Europa nicht zu erwarten. Nach Schätzung der Befragten sind zwar in den Bereichen, in denen KI eingesetzt wird, durchschnittlich 17 Prozent der Stellen gefährdet. Zugleich können aber gemessen an der aktuellen Anzahl auch 13 Prozent neue Stellen entstehen. Laut der Schätzungen gehen in keinem Fachbereich unter dem Strich mehr als sieben Prozent an Stellen verloren.

Ein weiteres Schlüsselergebnis ist, dass europäische Unternehmen noch selten auf KI für eine automatisierte Fertigung setzen. Und das, obwohl Europa in der Fertigung von Industrierobotern weltweit führend ist. Der Schluss liegt nahe, dass die Verantwortlichen einen Verlust von Arbeitsplätzen vermeiden wollen und darum eine weitere Automatisierung aktiv bremsen.

KI entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit
Mehr als die Hälfte der europäischen Unternehmen (57 Prozent) sieht KI als wichtigen Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb an. Die Szenarien sind dabei vielfältig.

Die Deutsche Telekom nutzt KI im Finanz- und Rechnungswesen. Software erledigt zuvor manuell ausgeführte Arbeiten bei Vertragsänderungen und Rückbuchungen. Bei der Lufthansa hilft ein Chatbot den Kunden, den niedrigsten Flugtarif zu finden.

Noch weiter geht Bosch: Der Konzern stärkt seine 250 Produktionsstandorte weltweit mit KI-Technologie. Das soll bis 2020 eine Milliarde US-Dollar einsparen und ein Umsatzplus von 1,1 Milliarden US-Dollar bringen. "In zehn Jahren ist kaum ein Bosch-Produkt noch ohne KI denkbar", sagt der Vorsitzende der Geschäftsführung Volkmar Denner. "Es wird entweder selbst intelligent sein, oder KI wird eine Schlüsselrolle dabei spielen, es zu entwickeln oder herzustellen."

KI vor allem in der IT
Künstliche Intelligenz wird bis 2020 vor allem der IT eingesetzt. Danach jedoch zunehmend auch in anderen Fachbereichen an Bedeutung gewinnen, allen voran in Finanz- und Rechnungswesen.

Das gibt auch den Personalabteilungen reichlich Stoff zum Nachdenken: Welche Fähigkeiten werden künftig in Fachbereichen und der IT gebraucht? Auf welche Talente konzentrieren sie künftig ihre Arbeit?

Sicherheit geht vor
Worauf müssen Unternehmen bei KI-Initiativen besonders achten? Die häufigste Antwort der befragten Entscheider: Es gilt, die Systeme vor Hackerangriffen zu schützen. Die Nummer zwei auf der Agenda ist die Entwicklung von Systemen, die selbstständig hinzulernen und so bessere Entscheidungen ermöglichen.

An dritter Stelle steht die Unterstützung von Mitarbeitern im Umgang mit den neuen Technologien und Prozessen. Hier unterscheiden sich die Prioritäten von europäischen und globalen Unternehmen. In Nordamerika steht die Entwicklung von Mitarbeiterfähigkeiten beispielsweise nur auf Rang fünf. Ein weiteres Indiz dafür, dass Unternehmen in Europa in Sachen KI stärker auf Transformation setzen als auf Kostenoptimierung.

Hebel und Ansatzpunkte für Unternehmen
Die Einschätzungen europäischer Entscheider sind eindeutig: KI eröffnet mutigen Unternehmen mit Visionen eine Riesenchance für neue Geschäftsmodelle und eine umfassende digitale Transformation. Zugleich spiegelt die Studie aber auch Unsicherheit wider. Viele Firmen fragen: Was ist der Nutzen? Wie können wir KI einsetzen, um einen Mehrwert zu erzielen?

Es gilt jetzt, entsprechende Initiativen entschlossen voranzutreiben. Wer noch keine Vorstellung von den eigenen Chancen durch KI besitzt, sollte eher heute als morgen damit beginnen, die Nutzenpotenziale auszuloten. Welche konkreten Szenarien sind denkbar? Was tut sich im Geschäftsumfeld? Nur dann lässt sich eine zielführende strategische Roadmap für eine intelligente Zukunft des eigenen Geschäfts ausarbeiten.


* Kay Müller-Jones ist seit 2008 Leiter der Global Consulting Practice bei Tata Consultancy Services (TCS).

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