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02.08.2017 Heinrich Vaske *

Diese Unternehmen haben einen Chief Digital Officer

Der Chief Digital Officer (CDO) ist immer noch ein Phantom. Alle reden darüber, aber kaum ein Unternehmen hat ihn. Oder vielleicht doch? Eine von der CeBIT unterstützte Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin bringt tiefere Einblicke.

Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der HTW Berlin und Initiator der CDO-Studie, schließt "Ressourcen- und Zielkonflikte" zwischen CDO und CIO nicht aus.

Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der HTW Berlin und Initiator der CDO-Studie, schließt "Ressourcen- und Zielkonflikte" zwischen CDO und CIO nicht aus.

© Kawohl, HTW

Tatsächlich beschäftigt heute schon jedes fünfte DAX-Unternehmen einen CDO, weitere 20 Prozent haben zumindest eine vergleichbare Rolle geschaffen, die CDO-Aufgaben übernimmt. 40 Prozent überlassen demnach die digitale Transformation einem Digitalchef - ist das nun viel oder wenig? Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der HTW und gemeinsam mit Wirtschaftsingenieurin Patricia Schneider verantwortlich für die Untersuchung, sagt: "Weder noch. Die Zahlen entsprechen relativ gut dem Fortschrittsgrad der digitalen Transformation aus unseren Forschungserkenntnissen."

Ein CDO oder eine "Digitaleinheit" in den Unternehmen könnten nicht die alleinige Lösung für alle digitalen Herausforderungen darstellen, aber eine solche Position biete die Möglichkeit, digitale Ressourcen zu bündeln und vermehrte Aufmerksamkeit auf das Thema zu richten.

Zwölf DAX-Unternehmen haben einen CDO
DAX-Unternehmen, die diese Chance nutzen wollen und einen CDO eingesetzt haben, sind die Allianz, BASF, Daimler, E.ON, Merck und SAP. Eine Rolle, die der des CDO vergleichbar ist, gibt es zudem bei Bayer, BMW, der Deutschen Bank, ProSiebenSat1 Media, Thyssenkrupp und Volkswagen.

Eine genauere Aufschlüsselung der DAX-Unternehmen nach Branchen zeigt, dass vor allem Industriekonzerne auf CDOs setzen. Sie vertrauen heute zu 60 Prozent auf einen Digitalchef. Chemieunternehmen folgen mit 33 Prozent und Dienstleister mit 30 Prozent. Insbesondere Finanzdienstleister haben noch kaum Digitalisierungsverantwortliche eingesetzt.

Die Großen haben einen Digitalchef
Betrachtet nach Konzerngrößen zeigt sich ferner, dass vor allem die großen Unternehmen im DAX auf die CDO-Rolle setzen. Sechs der sieben größten Konzerne haben diese Position geschaffen. Von den 15 größten DAX-Konzernen haben immerhin neun die CDO-Funktion in irgendeiner Form besetzt. In der zweiten Hälfte der DAX-Tabelle finden sich nur noch vier Chefdigitalisierer. Mit sinkender Unternehmensgröße nimmt also die Häufigkeit ab.

CDOs sind im Durchschnitt 41 Jahre alt, überwiegend männlich und haben ein betriebswirtschaftliches, ein naturwissenschaftliches oder ein technisches Studium abgeschlossen. Ihre Hauptaufgabe liegt in der Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie für das Unternehmen sowie deren Umsetzung, heißt es in der Studie. Julian Kawohl präzisiert: "Nach unseren Studienerkenntnissen soll sich der CDO primär um die strategischen Digitalthemen kümmern, das heißt neue digitale Geschäftsmodelle etablieren, digitales Knowhow ins Unternehmen bringen und schließlich als oberster Change Manager der internen Transformation agieren".

Welche Skills ein CDO mitbringen muss
Der CDO müsse zudem besonders gut verstehen, was der Kunde benötigt, um ihm neue Produkte und Services anbieten zu können, so die Studie. Dabei sei es egal ob dafür ein bestehendes Geschäftsmodell verbessert oder ein ganz neues geschaffen werde. Die zentralen Basisqualifikationen eines CDO sind:

  • Strategische Kompetenzen
  • Visionäre, kreative Qualitäten
  • Technologie-, Prozess- und Projektmanagement-Knowhow
  • ein "IT-Grundverständnis" für CDOs, die eher auf Marketing und Change-Management spezialisiert sind; ein tiefergehendes IT-Verständnis für CDOs, die digitale Produkte und Services anstreben und Trends identifizieren sollen
  • IT-Architekturverständnis, um den Aufwand technischer Implementierungen abschätzen und gegebenenfalls einfachere Lösungen identifizieren zu können.
  • Soft Skills wie Empathie, Wissensneugier, Eigenmotivation und Konsequenz in der Durchsetzung von Themen
  • Belastungsfähigkeit, Begeisterungsfähigkeit, Überzeugungskraft und Kommunikationsstärke


Abgrenzung von CIO-Aufgaben ist mitunter kompliziert

Einfach ist diese Aufgabe nicht, wie die Analyse aufzeigt. Viele Chief Digital Officers leiden unter unscharf abgegrenzten Aufgabenbereichen, Budgetrestriktionen sowie unter Vorständen, die trotz gegenteiliger Lippenbekenntnisse in Wirklichkeit keine grundlegenden Veränderungen anstreben. Erfolgreich wird der CDO demnach nur dann sein, wenn er den vollen Rückhalt des CEO hat, um seine Pläne umzusetzen und die Unternehmenskultur nachhaltig zu verändern. Im Vorstand muss er dafür nicht unbedingt sitzen, so die Wissenschaftler, er braucht aber ausreichende Kompetenzen und Entscheidungsbefugnisse.

Auch die Schnittstelle zum CIO kann zu Komplikationen führen. "Immerhin entsteht hier ein ganz neuer Bereich, der ab und an deutliche Überschneidungen mit einer strategischen IT haben kann - je nachdem wie Unternehmen das für sich definieren", so Kawohl. "Das kann dann zu internen Ressourcen- und Zielkonflikten führen, die die Organisation erst einmal lähmen."

Kaum CDOs in MDAX-Konzernen
Verschwindend klein ist derzeit noch die Zahl der MDAX-Unternehmen, die einen CDO berufen haben. Bei lediglich vier Prozent ist das der Fall. Mit anderen Worten: Nur zwei Unternehmen aus dem MDAX, nämlich Airbus und Schaeffler, haben einen Digitalchef.

"Das liegt in erster Linie daran, dass sich viele dieser Unternehmen von ihrem Mindset und digitalen Reifegrad her noch in einer Abwarteposition befinden", sagt Kawohl. Allerdings gebe es Ausnahmen: Axel Springer oder Klöckner hätten bereits signifikante Digitalaktivitäten vorgenommen. "In diesen Unternehmen hat sich der CEO selbst in den Fahrersitz gesetzt, und die digitale Transformation vorangetrieben", sagt der Wissenschaftler.

Ist der CDO eine temporäre Funktion?
Ist der CDO nun ein Übergangsphänomen oder wird diese Rolle dauerhaft bleiben? Laut der Studie, die unter anderem auf Experteninterviews mit CDOs und Personalberatern beruht, glaubt gut die Hälfte der Befragten, dass es sich eher um eine temporäre Funktion handelt. Andererseits gilt die Digitalisierung aber als langfristige "Querschnittsfunktion" und der CDO als "Wegbereiter". Kawohl entgegnet denn auch den Zweiflern: "Unternehmen werden noch auf Jahre, eher Jahrzehnte damit beschäftigt sein, die digitale Transformation zu meistern. Neben der Digitalisierung von Prozessen und dem Aufbau von neuen Geschäftsmodellen ist gerade auch die interne Transformation von Organisation und Kultur eine Herkulesaufgabe, die noch lange andauern wird."

Viele Unternehmen stünden noch ganz am Anfang, die eigene Positionierung in einer Welt digitaler Ökosysteme und Plattformen wirklich zu begreifen. Hier anzukommen und mit konkreten Projekten und Aktivitäten Antworten zu finden, dafür werde es langfristig CDOs oder vergleichbare Rollen geben.

Studiensponsor CeBIT will alle IT-Entscheider ansprechen
Die Wissenschaftler der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW)in Berlin haben sich für ihre Untersuchung die Unterstützung der CeBIT gesichert. Die weltgrößte IT-Messe wird 2018 erstmals im Juni stattfinden und neben den IT-Verantwortlichen auch alle anderen Entscheider rund um die Digitalisierung ansprechen. Jutta Jakobi, Global Director Digital Business & ICT bei der CeBIT, freut sich daher, mit der Studie endlich mehr Klarheit rund um die Position des Chief Digital Officer (CDO) bekommen zu haben: "Die neue CeBIT im Juni 2018 soll ja nicht nur für IT-, sondern auch für Digitalentscheider die zentrale Plattform sein, um sich auszutauschen und mit frischen Ideen, neuen Ansätzen und innovativen Konzepten die Transformation des eigenen Unternehmens voranzubringen".


* Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO.

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